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Türkei, Teil 3 von Dogubeyazit über Van bis Maladyad


Der größte See, Grenzerfahrungen, Wetterextreme und anatolische Gastfreundlichkeit


Den Ararat im Rücken verlassen wir die schmuddelige Stadt Dogubeyazit und fahren Richtung Südwesten, unserem nächsten Highlight entgegen, dem Vansee. Er liegt über 1600 m hoch, ist der größte See der Türkei und einer der größten Gebirgsseen der Welt, außerdem hat er keinen natürlichen Abfluss.  Zudem ist er der größte Sodasee der Welt, d.h. er hat einen sehr hohen Salzgehalt und einen ph-Wert über 10 Kurz hinter der Stadt Van haben wir uns dieses Mal etwas gegönnt.

Wir freuen uns auf eine Nacht im Hilton Hotel, Zimmer mit Balkon und Blick auf den See. Wir finden, das haben wir uns einfach mal verdient! Der Preis ist natürlich nicht vergleichbar mit deutschen Preisen solcher Hotelketten.

Bis dahin sind es weniger als 200 km, also eine sehr kurze Etappe. Wir müssen nur noch einige hohe Berge erklimmen, der höchste ist 2600 m hoch. Auf den guten türkischen Straßen wird das ja wohl kein Problem sein, weder für uns noch für "Harry and Sally". Nach den ersten Kilometern in schroffer Landschaft ohne Besiedelung fahren wir direkt an der iranischen Grenze entlang. Der Verlauf markiert zwischen den beiden Ländern ein dicker Stacheldrahtzaun, hoch oben auf den Bergen prangen sogar Wachtürme, noch auf türkischer Seite , die knallrote Fahne ist schon von weitem zu erkennen. Stark bewacht scheint sie zu sein diese Grenze. Es ist wenig Verkehr und wir fahren zwischen Stacheldraht und Felsen seicht bergauf, den Berg Ararat im Rücken, der immer mehr verblasst. Unsere Maschinen surren die Berge hoch und durch die lang gezogenen Kurven und nicht so extremen Steigungen merkt man den Anstieg kaum. Trotz der Höhe ist es immer noch angenehm warm. Schaut man in den Rückspiegel, sieht man blauen Himmel, schaut man geradeaus... oje... baut sich eine schwarze, uns beunruhigende Wand auf... Wir kraxeln hoch auf 2600 m, hier ist es dann nicht mehr so angenehm warm, sondern ziemlich frisch. Diese dicke schwarze Front kommt direkt auf uns zu und binnen Sekunden geht ein richtiges Unwetter los, erst ein paar harte Tropfen auf den Helm und gegen die Windschutzscheibe, wir klappen schnell die Visiere runter, und dann gießt und hagelt es. Das Sichtfeld ist so begrenzt und ohne Scheibenwischer ist es sowieso schwer, den "Durchblick" zu behalten. Berts Rücklichter kann ich nur ganz verschwommen erkennen. Die Straße ist so unterspült, dass Aquaplaning droht. Wir drosseln unsere Geschwindigkeit. Ich habe ja schon vom türkischen Straßenverkehr berichtet. Man nimmt also keine Rücksicht auf arme Motorradfahrer, sondern prescht noch in einem rasanten Tempo an ihnen vorbei, selbst die LKW Fahrer kennen kein Pardon und überholen und das bedeutet noch mehr Wasser bei jedem Überholmanöver und noch weniger Sicht. Für uns ist das allerdings sehr gefährlich! Hinzu kommt heftiger Wind! Anhalten und sich Unterstellen ist nicht möglich, hier gibt es leider keine Bushäuschen wie in Polen. Ich konzentriere mich so sehr, dass ich an nichts anderes denken kann, als da heil durch zu kommen! In der Ferne kann man etwas blauen Himmel und Helligkeit erkennen. Das gibt Hoffnung! Der Regen wird etwas weniger! 

Unser schönes neues Sommeroutfit - eine Kombi aus luftdurchlässigem Material - lässt nicht nur Wind sondern auch Wasser durch ! W i r  s i n d  n a s s  b i s  a u f  d i e  H a u t ! Der Wind kühlt nun nicht mehr angenehm sondern lässt uns auf dieser Höhe frieren. Was ich heute Morgen noch geschwitzt habe, bibbere ich jetzt wie Espenlaub. Eine Gänsehaut bedeckt meinen gesamten Körper! Selbst mein Mann, der sonst immer innere Hitze hat und der selten friert, sagt : "Mir ist kalt!"

Genauso wie das Unwetter gekommen ist, verschwindet es. Die fetten Regentropfen, gehen in Niesel über, dann hört es ganz auf und es ist nur noch bedeckt. Der Wind trocknet uns langsam, nur der fühlt sich.. brrr.. immer noch eiskalt an.

Weit ist es nicht mehr nach Van, der Regionshauptstadt am Vansee und erneut müssen wir einen heftigen, aber zum Glück nur kurzen Regenschauer ertragen. Es geht wieder seicht bergab bis immerhin runter auf 2000 m. 

Wir fahren auf einem Hochplateau und endlich! Als wir den nächsten Abhang hinunter kommen, taucht er auf, der größte See der Türkei. Es ist kaum zu fassen, hier ist es wieder sehr warm und die Sonnenstrahlen fühlen sich mehr als gut an. Jetzt ist es genau umgekehrt, vor uns blauer Himmel und hinter uns die schwarzen Unwetterwolken. Man kann fast nicht glauben, dass wir noch vor ein paar Minuten gefroren haben, was das Zeug hält und nun fangen wir an zu schwitzen!

Das darf in Zukunft immer so sein, wir wünschen uns nur noch blauen Himmel und Sonnenschein!

Das Hilton Double Tree, etwas außerhalb von Van, empfängt uns typisch für solche Hotelketten. Eine breite, überdachte Einfahrt, wo ein paar Nobelkarossen parken und deren noblen Besitzer sich von den Pagen das Gepäck aus den Autos auf ihr Zimmer bringen lassen. Pagen wie noble Menschen schauen nicht schlecht, als wir auf Harry und Sally daher geritten kommen. Wir genauso wie unsere Motorräder - gelinde gesagt - ziemlich verschmutzt, geben bestimmt ein gutes Bild ab. Die Pagen lassen sich aber nicht davon abbringen, auch uns mit dem Gepäck zu helfen. Sie laden unsere schmuddeligen Taschen auf ihre Gepäckwagen und begleiten uns zur Rezeption und bevor wir unseren Schlüssel in der Hand halten, ist unser gesamtes Gepäck auf unser Zimmer transportiert. Ich komme mir vor wie zu alten Condor- und Fliegerzeiten, nur dass ich keine Uniform an habe sondern eine ziemlich verdreckte Motorradkluft.

Wie gebucht, erhalten wir unser Wunschzimmer mit großem Balkon und direktem Blick auf den See! Dass da eine ziemlich laute Hauptstraße dazwischen ist, stört uns momentan wenig. Wir sind nur dankbar für ein  großes, sauberes Zimmer und eine wohl tuende Dusche.

Zugleich wollen wir aber an den See, der groß und breit vor uns liegt. Nun wohl riechend und sauber - die Pagen erkennen uns wahrscheinlich gar nicht wieder - überqueren wir die breite Durchgangsstraße. Leider gibt es hier gar keinen Zugang zum See, wir versuchen es über einen vermüllten Trampelpfad, no chance, ans Ufer gelangen wir nicht, ein Schuttberg liegt vor uns. Dieser wunderschöne See...!

Wir stapfen etwas enttäuscht zurück zum Hotel, gönnen uns eine Massage im Spa-Bereich, essen teuer, aber schlecht im Hotelrestaurant, schlafen dafür himmlisch in unserem Bett in dem Zimmer mit Seeblick!

"Wenn es dort schön ist, bleiben wir noch eine Nacht", so sprachen wir vor unserer Ankunft. Nein, so schön ist es nicht, also wollen wir weiter ziehen. Keine 10 km am späten Vormittag weiter durchfahren wir den Ort Erdemit. Es ist Sonntag, Familien picknicken an der Strandpromenade. Hier sollen wir vorbeiziehen? Zu schade wäre es, diesen wunderbaren See so schnell zu verlassen... Wir halten am Straßenrand, setzen uns zwischen die Menschen ans Ufer und haben schnell  eine neue Unterkunft ausfindig gemacht: Das Ramada Hotel, eine auch bei uns bekannte Kette. Es wirbt mit Terrasse am See und hoteleigenem Strand. Ja, das ist genau das Richtige für uns! Wunderbar, es ist später Vormittag und wir dürfen auch schon so früh unser Zimmer beziehen! Jetzt noch schnell umziehen und ab zum Strand... Strand? ...Wir schauen uns um!  Ein kleines Treppchen führt zu einem winzig kleinen, verschmutzten Sandabschnitt, keine Liegen. Außer dem üblichen Müll, nichts! Von so kleinen Enttäuschungen lassen wir uns nicht entmutigen, wir nutzen den Tag, machen einen kleinen Spaziergang, finden sogar einen kleinen öffentlichen Strand, wo wir wenigstens unsere Füße in den See halten können. Die ausschließlich männlichen Badegäste scheinen das Bad im See zu genießen, während ihre Frauen mit den Kindern meist voll verschleiert am Rand warten. Wir relaxen, wenn man es so nennen kann, auf der nüchternen mit weißen Platten ausgelegten Terrasse, auf Plastikmonoblocks an Plastiktischen mit Sonnenschirmen.

Dafür finden wir abends ein wunderbar gelegenes Restaurant direkt am Wasser mit hervorragender Küche!

Es sind noch drei weitere Etappen quer durch Ostanatolien bis wir Göreme, den Touristenhotspot in Kappadokien erreichen werden.

Ostanatolien ist flächenmäßig das größte und bevölkerungsmäßig das kleinste Gebiet der Türkei. Wir nehmen eine der südlicheren Hauptstrecken quer durch das Land. Genauso wie auf dem Hinweg  müssen Städte für unsere Übernachtungen her halten. Es ist ja nicht so, dass wie bei uns, fast jedes Dorf einen gemütlichen Gasthof  hat, der zum Verweilen einlädt. In der kargen, felsigen Landschaft bestehen die kleinen Dörfchen an denen wir entlang fahren aus einigen Häusern und einer Moschee.

Bereits vor unserer Reise beunruhigte mich doch ein wenig die Meldung des Auswärtigen Amts, die vor touristischen Reisen in diese Gebiet warnt. Vor Allem soll die kurdische, verbotene Arbeiter Partei PKK weiterhin terroristische Anschläge, besonders in den Regionen Ost- und Südanatoliens verüben. Schon seit Agri gibt es sehr viele Kontrollpunkte, an denen  voll bewaffnete Soldaten sowie Panzer und Häuschen mit Schießscharten nicht gerade einladend aussehen. Das Militär zeigt Präsenz. Uns winkt man stets sehr freundlich durch, angehalten werden einheimische Fahrzeuge. Das wiederum dient ja unserer eigenen Schutz, so denken wir. Wir gewöhnen uns schnell an diese Checkpoints und wägen uns gerade deswegen in Sicherheit. Hinzu kommt die enorme Gastfreundlichkeit der sehr warmherzigen Menschen, die uns das Gefühl des Angenommenwerdens geben.

Mus, die Stadt unserer ersten Übernachtung, hat ca. 100000 Einwohner und fällt durch eine gewisse Sauberkeit auf, was sie obwohl sie außer einer großen Haupt- und Einkaufsstraße nicht viel zu bieten hat, sympathisch macht. In einem Restaurant weist uns der etwas rundliche und lustig wirkende Chefkoch unseren Platz zu. Wir bestellen das, was er uns empfiehlt und lassen uns überraschen. Es wird uns eine Riesengrillplatte, die wir nur zur Hälfte schaffen, vor gesetzt. Es schmeckt köstlich!

Am Tisch nebenan nickt und lächelt mir eine nette Frau mittleren Alters zu. Wir erfahren, dass sie die Betreiberin dieses Restaurants ist. Wir sind uns gleich sympathisch, können uns aber leider nicht verständigen, der Google-Übersetzer muss herhalten. Sie versorgt uns noch mit allerhand selbstgemachtem Nachtisch, den wir leider nicht ablehnen können. Papp satt und kugelrund und eine "Instagram-Freundschaft" mehr, wälzen wir uns in unser Hotel. Danke Nevin!!!

Die Etappe bis Malatya führt uns an der großen Keban-Talsperre entlang. Es ist wahnsinnig heiß mit einem wüstenartigen Gegenwind, der uns wie ein Fön entgegen bläst. An einem ausladenden Obststand machen wir eine wohl verdiente Pause. Hier gibt es sogar Sitzgelegenheiten, die durch Weinreben beschattet sind. Aus einer kleinen Wasserleitung fließt kaltes Wasser, wo wir unsere Hände kühlen. Wir kaufen bei dem jungen Obstverkäufer mit der gewohnt türkischen Freundlichkeit 2 Pfirsiche, ein paar Träubchen und Feigen. Noch nie haben wir so leckere und süße Feigen gegessen! Dieser Ort ist wie ein kleines Paradies. Aus dem Nichts taucht ein älterer, grau haariger Herr auf. Er zündet sich eine Zigarette an und beginnt auf gebrochenem Deutsch zu erzählen. Wir erfahren, dass er 17 Jahre in Passau gelebt und gearbeitet hat und in den Siebziger Jahren zu der ersten Generation von Gastarbeitern gehört hat. Mitte der Achtziger ist er zurück und seitdem Besitzer dieser Obstplantage. In der Vergangenheit war die Region sehr unruhig, aber nun sei alles friedlich. Man merkt, er ist glücklich, uns das alles erzählen zu können und mit mehr Obst als wir gekauft haben, verlassen wir - frisch gestärkt - diesen schönen Ort.

An Malatya, einer mit über 500000 Einwohner, großen Stadt haben wir keine großen Erwartungen. Damit wir uns nicht in dieser extremen Hitze durch den Großstadtverkehr quälen müssen, haben wir wieder in einem Außenbezirk ein übliches Standarthotel gebucht. Hier bekommen ein großes Zimmer, sogar mit funktionierender Klimaanlage.

Auf der Suche nach 2 Dosen Bier in einem der versteckten kleinen Shops, wo man Alkohol käuflich erwerben kann, finden wir uns auf einmal in einem verwinkelten basarartigem Stadtviertel wieder. Ein wuseliges Treiben, so wie wir es mögen, herrscht in den Gassen. Mein Mann hat mal wieder eine Rasur nötig und wir betreten wieder einen der typischen, kleinen Kuaförläden. Der freundliche Friseur und Barbier spricht sogar ein paar Wörter Deutsch. Er hat einige Jahre an der Mittelmeerküste deutschen Touristen die Haare geschnitten. Er erkennt gleich, dass mein Bert sich ein wenig, durch das stets offene Visier, das Gesicht verbrannt hat und verpasst ihm neben einer perfekten Rasur und Haarspitzenschneiden eine Aloe Vera Gesichtsmaske.

In einem der vielen Imbissläden, die ihre Tische an die Straße gestellt haben, bestellen wir uns zwei  Hähnchenspieße frisch vom Grill samt Gemüsebeilage auch frisch gegrillt. Dass wir fast von den Autos umgefahren werden und der Benzingeruch stören uns herzlich wenig. es schmeckt so köstlich wie gestern. Wir bezahlen weniger als 10,- Euro.

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Kommentare: 4
  • #1

    Maik und Elke (Samstag, 28 August 2021 11:26)

    Hallo ihr Zwei, wieder ein wunderschöner Bericht. Was für ein schönes Land die Türkei doch ist. Wir Beiden kennen ja nur die Urlaubsregion Antalya. Wir sind vor Corona gern dort hin gereist. Gute Fahrt weiterhin. Herzliche Grüße von Maik und Elke

  • #2

    Sabine (Sonntag, 29 August 2021 17:24)

    Hallo ihr Beiden! Abenteuer ohne Ende!!! Schon beim Lesen habe ich Gänsehaut! Wie sind mittlerweile wieder daheim! LG

  • #3

    Christian Hammann (Sonntag, 05 September 2021 18:42)

    großartig geschrieben!! liebe Grüße Chrischaaan

  • #4

    Sasa Poprzen (Mittwoch, 15 September 2021 15:48)

    ...Ähnlichkeiten in meiner Erinnerung: sehr freundliche Menschen und die leider sehr vermüllte Gegend..



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