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Polen


Polen, eine Durchfahrt mit Wetterkapriolen oder das fängt ja gut an!


Im 2. ten Coronajahr starten wir tatsächlich in ein neues Abenteuer und das ist mehr denn je aufregend! Letztes Jahr zwischen den beiden Lockdowns waren wir schon flexibel, konnten und wollten aber wegen der vielen Restriktionen die EU nicht verlassen. Reisen ist dieses Jahr wieder mehr möglich und diese Möglichkeit wollen wir uns nicht entgehen lassen. Wir sind beide geimpft und das gibt uns das Gefühl der Sicherheit. Auch die meisten Länder außerhalb der EU bieten Geimpften Vorteile bei der Einreise und diesen Vorteil wollen wir nutzen. Ein grobes Gerüst haben wir uns vorgegeben, wie ihr vielleicht in den Vorbereitungen 2021 gelesen habt, können jederzeit  oder müssen vielleicht sogar davon abweichen. 7 Wochen wollen wir uns gönnen, egal wohin die Reise uns führen wird. Sollten die Zahlen wieder steigen und die Regeln sich verändern, drehen wir um und kommen auf direkten Weg nach Hause.

Voll bepackt - auf jeden Fall darf unsere Kühlbox nicht fehlen - starten wir am Sonntag Morgen Richtung Osten. In Helmstedt, am Grab meiner Eltern - so unser Ritual - verabschieden wir uns in unser Abenteuer und versprechen meiner Mutter, uns nicht zu streiten. Ihre Worte: " vertragt euch", die sie uns zu Lebzeiten jedes Mal nach einem Besuch bei ihr mit auf den Weg gegeben hat, klingen in meinen Ohren. Meine Antwort darauf war jedes Mal: "Wir bemühen uns!"

So stehen wir vorm Grab.... "Versprechen können wir es aber nicht!"

Eine erste lange Etappe bis hinter die polnische Grenze liegt vor uns. Ein Stück Autobahn muss sein, um Kilometer zu machen. Es geht auf die A2 Richtung Berlin und bei Wollin in Brandenburg verlassen wir sie wieder. Wir schweben über kleine Landstraßen im Kreis Potsdam Mittelmark, fahren durch den Hohen und Niederen Fläming und durchqueren den Elbe/Elsterkreis. Es ist Erntezeit, mein Mann vor mir wirbelt das Stroh auf, den die Erntefahrzeuge verloren haben, die Felder sind schon teilweise kahl und es riecht nach abgemähten Gras. Wir durchfahren Dörfer, deren Hauptstraßen noch Kopfsteinpflaster haben und "Ernst -Thälmann- Str.", "Rosa-Luxemburg-Platz" oder "Straße der Jugend" heißen. Ein erstes Picknick an einem lauschigen Plätzchen irgendwo an einer Lichtung in einem dieser Kreise gibt uns schon mal das wahre Gefühl, auf Reisen zu sein.

Der Wetterbericht hat uns nichts Gutes verheißen: Regenschauer entlang der Strecke, die teils heftig ausfallen sollen. Aber wir sind Glückskinder und bis zu unserem Ziel kurz hinter der Grenze bei Bad Muskau in Polen sollen wir keinen einzigen Tropfen ab bekommen. 

Aber wie heißt es so schön, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

 

Das Bikehostel im kleinen Ort  Przewoz (deutsch: Priebus) heißt uns herzlich willkommen. Unsere Unterkunft ist ziemlich schlicht und rustikal. Etagenbetten in einer ebenso rustikalen Hütte empfangen uns. Es ist schon ziemlich spät als wir ankommen und in dem kleinen Ort scheint man Sonntagabend schon um 19.00 Uhr die Bürgersteige hoch zu klappen, daher sind wir froh, dass man uns kurz vor Feierabend in unserem Hostel noch eine warme Mahlzeit und ein frisch gezapftes Bier gewährt. Ein Tagesmenü, so der nette Inhaber, habe er noch, was er uns servieren könnte, leider sonst nichts mehr zur Auswahl. Wir sind dankbar überhaupt noch etwas Warmes um kurz vor halb Acht  zu bekommen. Ein Höhepunkt polnischer Kochkunst erreicht unsere Gaumen: Tomatensuppe mit Nudeln und 2 Hackbällchen  mit undefinierbarer Soße, Salzkartoffeln, garniert mit Dill und einem Klecks Rotkohl. Da wir auf reisen immer ziemlich anspruchslos sind, reden wir uns das Tagesmenü schön und wir werden sogar satt! Noch ein Gezapftes und wir begeben uns auf unsere Hütte. In letzter scheint Zeit es viel geregnet zu haben, die Luft ist draußen wie drinnen ziemlich feucht. Die Bettwäsche ist ziemlich klamm und überhaupt die Hütte müffelt ganz schön. Wir klemmen uns in unsere Etagenbett und fühlen uns 45 Jahre zurück versetzt in eine Jugendherberge der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. So alt scheinen auch die Schaumstoffmatratzen zu sein, auf denen wir liegen. Und im Laufe der Jahre hat da so manches Schwergewicht drauf gelegen und seinen Abdruck hinterlassen. Ich kugele mich von einer Mulde in die andere und finde so schlecht in den Schlaf. Die Nacht ist kurz, denn auf der kleinen Dorfstraße vor unserem Hüttenfenster ist am frühen Montag Morgen so allerhand los und der gesamte Berufsverkehr der Gegend plus Schwerlastverkehr fährt direkt an unseren Ohren vorbei. Als wir die Vorhänge aufziehen, geht der Ausschlag auf unserer persönlichen  Gute-Laune-Skala geht direkt auf Null. Es schüttet wie aus Eimern. Auch das beste Frühstück könnte uns jetzt nicht aufmuntern. Zu allem Unglück gibt es auch noch löslichen Kaffee (Ich gebe zu, ich übertreibe ein wenig, ein Unglück ist natürlich etwas anderes!)... Ach ja, da war doch was: Mit dem löslichen Kaffee merken wir, wir sind im "Osten". Gut, dass wir unsere Reisekaffeemaschine nicht vergessen haben. Die kramen wir jetzt  aber nicht aus den Tiefen unseres Gepäcks und begnügen uns einfach mit "Jacobs Krönung" löslich. Wir ziehen die Frühstückszeremonie in die Länge, in der Hoffnung, dass es sich um einen Schauer handelt. Und so ist es, der heftige Guss geht in Nieselregen über, wir präparieren uns und schalten um auf Schlechtwettermodus!

Unser nächstes Etappenziel ist die Stadt Czestochowa (zu Deutsch Tschenstochau), zweitgrößte Stadt Schlesiens. Weltberühmt gemacht hat die Stadt die Ikone der Schwarzen Madonna zu Tschenstochau im Kloster Jasna Gora.Gut 380 km an Strecke haben wir heute zu machen und kreuzen durchs Land. Mal regnet es mehr, mal weniger, mal scheint sogar die Sonne. Irgendwann sind wir so optimistisch, dass wir unsere Regenkombis auslassen, finden einen trockenen Platz für eine Rast und weiter geht es. Schauen wir in unsere Rückspiegel, entdecken wir dicke, schwarze Wolken. Die können nichts Gutes bedeuten. Diese Wolken verfolgen uns und wir fliehen vor Ihnen. Aber dann ist es soweit, es ist wieder Zeit, unsere Regenklufft anzuziehen, die Schlechtwetterfront hat gewonnen und uns eingeholt. Gerade können wir uns noch in ein Bushäuschen retten, als ein mächtiger Gewittersturmhagelregen hernieder prasselt. Gar nicht auszumalen, wie es gewesen wäre, wenn es uns auf freier Strecke erwischt hätte! (Eine kleine Bemerkung zwischendurch: Natürlich sind wir da in ein Unwetter geraten, das war wirklich nicht schön, aber wir wollen damit absolut nicht die Situation in den Unwettergebieten Zuhause schmälern. Im Gegenteil ein ganz großer Gedanke und unser vollstes Mitgefühl gilt den Menschen in den Katastrophengebieten in NRW und Rheinland Pfalz). All das viele Wasser hält uns ganz schön auf und Czechstochowa erreichen wir spät, zum Glück können wir wenigstens trockenen Fußes unser Gepäck abschnallen und in unser kleines Apartment beziehen.

Nach Sightseeing ist uns so spät nicht, und auch die Schwarze Madonna muss auf uns verzichten. Die Stadt aber macht einen sympathischen Eindruck, so manche Seitenstraße bedarf mal eine Sanierung. Wir suchen noch eine Pizzeria zur Nahrungsaufnahme auf und fallen dann träge und geschafft in unser neues Velourbett.

Morgen dann liegt noch die letzte Etappe in Polen vor uns, Ziel ist das kleine Vorkarpatendorf Helusz unweit der ukrainischen Grenze, die wir möglichst früh passieren wollen.

Aber zunächst heißt es raus aus der Stadt! Und das ist nicht so einfach! Gerade die Hauptausfallstraße, die wir nehmen sollen, ist gesperrt! Unser "Calimoto", Naviapp, weiß sich auch keinen Rat, es kennt keine Umleitungen, so wie Google maps und will uns immer wieder genau dort hin führen. Auch finden wir kein "Objazd"-Schild, was so viel wie Umleitung bedeutet. Wir kurven und kurven, fahren nach Gefühl und Straßenschildern in alle Richtungen und landen immer wieder am gleichen Punkt der Straßensperrung. Es ist zum Haare raufen. Die ganze Aktion kostet uns mehr als eine halbe Stunde. Natürlich sind wir nicht in der Stadt geblieben, aber ich weiß auch nicht mehr, nach dem wievielten Versuch und auf welcher Straße wir endlich den Weg raus schaffen. Die Sonne scheint, wir fahren über plattes, polnisches  Land und finden sogar wieder ein idyllisches Pausenplätzchen an einem See.

Als wir  das "Agritouristca u Julii" in Helusz erreichen, ist es auch hier - irgendwie hängen wir ständig der Zeit hinterher -  wieder ziemlich spät. Außer eine super schöne Landschaft und einer Menge kläffender Hunde hat der kleine Ort nichts zu bieten. Julia, die gastfreundliche Inhaberin, bereitet uns noch ein polnisches Abendbrot. Zum Übersetzen, so will es der Zufall, kommt uns ein netter, polnischer Herr, aus dem Landkreis Helmstedt (meine Heimatstadt), der mit seiner Familie hier bei Verwandten zu Besuch ist, zur Hilfe. Er ist mit seiner Familie zu Besuch in seiner alten Heimat. Wir genießen einen kühlen aber ruhigen Abend auf Julias Terrasse.

 

Morgen verlassen wir dann die EU und die Einreise in die Ukraine verläuft hoffentlich problemlos!

 

Coronaregeln? Ja, die gibt es, ähnlich wie bei uns gilt eine Maskenpflicht in öffentlichen, geschlossenen Räumen. Wir halten uns daran, z.B. im Supermarkt, mit uns auch einige Menschen, aber längst nicht alle! Aber das scheint keinen zu interessieren. Wir halten uns sowieso, wo es geht draußen auf.

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Kommentare: 3
  • #1

    Heidrun (Samstag, 07 August 2021 05:23)

    Endlich, meine Lieblingslektüre.... wenn ich nachts nicht schlafen kann... bin ich bei euch...Richtung Osten

  • #2

    Sylvia (Samstag, 07 August 2021 16:08)

    Sehnlichst von allen Seiten hier erwartet ... *lächel*
    Wieder einmal ein super schöner Reisebericht: toll zu lesen, spannend, ein wenig witzig und auch nachdenklich, von jedem etwas !
    Vielen lieben Dank und weiterhin gute Fahrt und tolle Erlebnisse für Euch !

  • #3

    Christian Hammann (Sonntag, 08 August 2021 17:24)

    Ich habe wieder das Gefühl als wäre ich wirklich dabei. Liebe Grüße gute Fahrt und bleibt gesund !

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