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Tschechien/Thüringen


Unterschätzte Vielfalt und der Endspurt


Es war eine gute Idee, zum Abschluss noch einmal kreuz und quer zu fahren.

Die Sonne scheint aus voller Kraft, es ist aber nicht zu heiß und wir sind gut gelaunt, als wir den Polnisch/Tschechischen Grenzübergang erreichen. Wieder so eine unscheinbare Grenze. Wir halten. An manchen Orten ist so still, das man nichts hört, wenn man den Motor abstellt und den Helm abnimmt,absolut nichts! So ist es auch hier. Nur ein paar Vögel geben ihr Bestes und zwitschern, was das Zeug hält. Ruhe pur! Nicht mal ein Auto kommt auf der kleinen Straße über den kleinen Grenzübergang vorbei.

Es ist früher Nachmittag und wir sind etwas k.o. von der Schlängelei durch polnische Dörfer und wir haben eins: Hunger und Durst. Es ist Zeit für eine Picknickpause und hier ist genau der richtige Ort, unsere Stühlchen und Kühlbox abzuschnallen und die Picknickdecke auszubreiten. Wir setzen ein europäisches Zeichen auf einem Fleckchen Erde zwischen Polen und Tschechien! Sind wir noch in Polen oder in Tschechien oder im Niemandsland? Das ist egal, wir sind auf der Welt! Und das ist wieder so ein Moment, der in die Topliste meiner Lebenserlebnisse eingeht. Im Moment gibt es keinen schöneren Ort auf der Welt als hier, hier auf dieser bunten Picknickdecke zwischen Polen und Tschechien. Eine ganze Stunde genießen wir die Ruhe und unsere Zeit zwischen den Ländern und während dieser Zeit kommt gerade mal eine Handvoll Autos vorbei.

 

Tschechien durchqueren wir zunächst schnell, denn wir haben noch eine Übernachtung in der Slowakei unweit des Ortes Trencin-Teplice geplant. Wir kommen recht spät an, von Ort und Umgebung sehen wir nicht viel, wir essen im Hotelrestaurant, schlafen gut und am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Tschechien.

Tschechien! Auch in diesem Land waren wir schonein paar Mal auf Durchreise.

Aber was fällt einem eigentlich zu diesen Land ein? Es kommt so unscheinbar daher, wir wissen mal wieder viel zu wenig. Tschechien, der größere Teil der ehemaligen Tschechoslowakei!

- Karel Gott, die goldene Stimme aus Prag und das Biene Maja Lied

- Spejbl und Hurvinek, die berühmten Marionetten unserer Kindheit in Ost und West. Die Dialoge zwischen Vater       und Sohn sind mir noch in Erinnerung, vor allem scheint jede Frage des Sohnes Hurvinek an seinen Vater                   Spejbl mit einem lang gezogenen: " Vatttti"....zu beginnen

- Alexander Dubcek und der Prager Frühling 1968

- Vaclav Havel, Schriftsteller, ein hervorragender Politiker und erster Präsident nach der Wende

- Martina Navratilova, die bekannte Tennisspielerin aus den 80igern und Widersacherin von Steffi Graf

- Böhmer Wald und Knödel

- Riesengebirge und die Schneekoppe (höchster Berg, 1602 m)

- Prag und die Karlsbrücke

- Bedrich Smetana und die Moldau

- Pilsen, der Ursprung der Braukunst unseres geliebten Pils

... oh, so wenig ist das gar nicht, was wir wissen!

An einem wiederum kleinen Grenzübergang passieren wir die Grenze zwischen den heutigen Staaten Slowakei und Tschechien, die es vor 1992 in dieser Form noch gar nicht gab. An dem kleinen Grenzschild fahren wir fast vorbei.

Unser Ziel ist Ramzova , Teil der Gemeinde Jesenik, Wintersport - und Wandergebiet im Altvatergebirge, knapp 800 m hoch.

Wir haben wieder einmal mehr als Glück, kaum haben wir unsere Motorräder abgestellt und unser Zimmer im Hotel bezogen, wird der Himmel dunkel und es beginnt kräftig an zu regnen und zu gewittern. Auch am späten Nachmittag will es nicht so richtig aufhören. Zwischen zwei Güssen schaffen wir es gerade ein paar Schritte nach draußen.

Am frühen Abend plagt uns der Hunger und wir nehmen im überdachten Außenbereich des kleinen Hotelrestaurants Platz. Ein Schild mit großen Lettern, das über dem Eingang prangt, verrät uns seinen Namen: Himalyabar!

Ein überaus unfreundlicher und schlecht gelaunter, auf jung getrimmter, in legerem schwarz gekleideter, mit einer modernen schwarzen nach hinten geknoteten Kopftbedeckung, mittsechziger Kellner, lässt uns spüren, dass er uns nicht mag und wir in seinem Restaurant absolut nicht willkommen sind.

Die Speisekarte gibt so Einiges her: Mexikanische Tortilla, Souflaki mit Ttzaziki. Gnocchi, Cesars Salad...

Wir entscheiden uns für Schnitzel mit Kartoffelspalten und  gemischtem Salat. Der immernoch übel gelaunte Kellner (da hilft auch kein Lächeln meinerseits) serviert uns, nein besser: er knallt uns ein vor Fett triefendes Industrieschnitzel, das wahrscheinlich von einer ebenso schlecht gelaunten Köchin lieblos in die Friteuse geworfen wurde, dazu trockene Kartoffelhälften und lappiger Salat.

Die ganze Nacht scheint es, als wolle es nicht aufhören zu regnen. Der Wind rüttelt zudem wie verrückt an unserer Balkontür. Als wir am nächsten Morgen los wollen, triefen unsere Motorräder vor Nässe und es ist ziemlich frisch, so um die 13 Grad. Aber zum Glück hat es aufgehört zuregnen und es ist trocken. Im Laufe des Tages sollen die Temperaturen weitaus höher klettern.

Unser nächstes Etappenziel ist Lvova, Nähe der Stadt Leberec und  ganz Nahe an der deutschen Grenze.

Wir fahren zunächst auf einer großen, viel befahrenen Landstraße.

Im Allgemeinen, so fällt uns auf, sind die Tschechen eher defensive Autofahrer und unterschreiten lieber die Geschwindigkeitsgrenze um Einiges als dass sie zu schnell fahren. Hier ist eher Schneckentempo angesagt. Man hat Zeit und trödelt übers Land.

Nach einiger Zeit biegen wir von der großen Landstraße ab und werden durch wenig Verkehr, waldiges Gebiet, puppige, kleine Landstraßen und niedliche Dörfer belohnt. Die Ortsnamen können wir kaum aussprechen, die meist auf -ice enden, geschweige denn, können wir sie uns merken. Das Thermometer klettert auf knapp über 20 Grad und wir erreichen unser Ziel ziemlich entspannt. Unsere Navi-App hatte sich ja im Laufe der Reise eingependelt und uns zielgenau immer dahin gebracht, wohin wir wollten. Nur diesmal schwächelt sie wieder. Unser Hotel soll gute 500 m vom eigentlichen Ziel entfernt liegen. Durch Zufall erkennen wir das und stoppen rechtzeitig an gewünschtem Ort, einem kleinen Hotel. 

Wir erfahren, dass ganz in der Nähe ein Schloss liegen soll. Wir sind früh und eine kleine Wanderung bringt sicher Ausgleich zur langen Sitzerei auf dem Motorrad. Kaum umgezogen und unterwegs, geht ein Wolkenbruch über uns nieder und wir finden Unterschlupf unter dem Dach eines alten Bahnhofgebäudes, dem Bahnhof von Lvova. Als wir nach dem Guss das Schloss Lämberk erreichen, stehen wir leider vor verschlossenem Tor, denn wir befinden uns außerhalb der Öffnungszeiten. Schade!

Unser vorletztes Ziel ist Karlsbad, der berühmte Kurort in Böhmen. Auf unserer Donautour vor 3 Jahren war es schon einmal unser Ziel. Damals hatte uns sehr gut gefallen

Eine kurze Etappe liegt vor uns. Angenehme Temperaturen und eine wunderbare Streckenführung belohnen uns. Wir genießen die leicht hügelige Landschaft und den Böhmer Wald. In der Ferne nehmen wir die waldigen Berge, die irgend jemand wohl wahllos dahingetupft hat, als grüne Zipfel wahr. Sonne, Wolken, Licht und Schatten... So könnte es immer weiter gehen.

Bereits mittags erreichen wir Karlsbad. Unser Navi ist wieder in der Spur und findet unser Apartment auf Anhieb. Dieses entpuppt sich als eines der Besten: Groß, geräumig, geschmackvoll eingerichtet und mit Allem ausgestattet, was wir uns wünschen, in einem Wohngebiet fußläufig zu den berühmten Kolonnaden. Wir fühlen uns willkommen.

Die Stadt ist gut besucht, aber nicht voll. Aufgrund Corona fehlen wahrscheinlich einige Touristen, die sonst vorherrschende Sprache Russisch hört man nicht und auch Menschen aus dem asiatischen Raum sieht man kaum.

Luxus-Spa-Hotels laden zum Kuren ein, in den Auslagen der Juweliere glitzern teure Schmuckstücke und Privatkliniken bieten ihre Leistungen im Dienste der Schönheit an, von Botox bis Fettabsaugung ist alles zu haben.

Wir essen Eis und trinken Kaffee und... wir fühlen uns abgezockt... 1 Kugel Eis - irgendein Billigindustrieeis - für knapp 2 Euro, eine Tasse Kaffee und ein doppelter Espresso für fast 10 Euro! Selbst in Venedig oder Monaco können die Preise nicht höher sein!

In Karlsbad, eines der berühmtesten Kurorte der Welt, fühlen wir uns trotzdem wohl und bewundern die teils wunderschön restaurierten Häuser, Hotels und Villen.

In einem Restaurant unweit unseres Apartments essen wir zum Abschluss typisch Tschechisch: Haxe gebeizt mit Biersosse. Danach komme ich mir allerdings mindestens zehn Kilo schwerer vor. Das bereue ich allersings nicht, denn es war ein Genusss!

Wir schlafen super in unserem Superapartment.

Am nächsten Moregn scheint sie Sonne und als wir vom Balkon aus auf unsere direkt vor der Eingangstür geparkten Motorräder schauen, können wir es kaum fassen: UNSERE CAMPINGSTÜHLICHEN SIND WEG!

Vor 3 Jahren für 4,95 Euro das Stück in einem Billigladen erstanden haben sie uns bisher auf jeder Tour gute Dienste geleistet. Da sie ja nicht von großen Wert waren, ließen wir sie immer mit Spanngurten festgeschnallt auf meinem Motorrad. Sie haben uns schon bis in die entlegensten Orte dieser Welt begleitet in kleine und große Städte und auf dem Land. Sie waren mit uns Bulgarien, Russland oder Georgien, aber ausgerechnet hier, im mondänen Karlsbad, wo sich Reich uns Schön die Hand geben, werden sie entwendet! Freundlicherweise hat der Dieb (hier der einfachheithalber nur die maskuline Form) die Spanngurte da gelassen! Hoffen wir mal, dass es sich um einen passionierten, tschechischen Angler handelt, der sich von seiner schmalen Rente diese nie leisten könnte! Mit seinem Kumpel sitzt er nun an einem See, einer auf dem Blauen, der andere auf dem Grünen, die Angel in das Wasser haltent und sich freuend, dass sie nun besseren Sitzkomfort haben....

Wir müssen Beide schmunzeln, zudem sie schon leichten Rost angesetzt haben und wir ohnehin Neue erstehen wollten. Letztes Jahr mein kleiner Tankrucksack in Mannheim zu Beginn der Reise, dieses Jahr die Stühle zum Ende der Reise! beides absolut von geringem Wert!

 

Das war es nun, Tschechien! Es kam so leise daher und war trotz Allem sehr sympatisch.

 

Noch eine Übernachtung und unsere Reise geht nach 4 1/2 Wochen so langsam zu Ende.

Unser Ziel ist der kleine Ort Rackwitz nördlich von Leipzig. Am tschechischen Grenzort Polucky erreichen wir wieder Deutschland! Wir haben Zeit, das Wetter ist angenehm und so kreuzen auf kleinen Straßen durch den Thüringer Wald!

Noch ein Picknick auf einer Wiese am Waldesrand! Auf unserer Picknickdecke und ohne unsere geliebten Stühlchen essen wir gedankenverloren unsere selbst geschmierten Käsestullen!

In Rackwitz empfängt uns ein "Apartmenthotel", welches sich als umgefunktionierter Platternbau entpuppt. Wir dachten, so etwas gäbe es nur in Russland! Monteure aus der ganzen Republik scheinen hier abzusteigen.

Das Apartment ist zwar geräumig aber mit schmuddeligem Touch. Schaut man sich genauer um, wurde hier nicht ausreichend sauber gemacht. Den Balkon fege ich eigenständig mit dem in der Küche gefundenen Handfeger und der kleine Plastiktisch hatte auch dringend mal einen Lappen nötig!

Der Ort bietet auch sonst nichts, wir essen beim hiesigen Dönerimbiss und decken uns mit Dosenbier von Pennymarkt ein.

Eigentlich könnte der Abschluss unserer kleinen Europareise nicht besser sein!

Wir befinden uns immernoch im Reisemodus, wir können uns noch gar nicht so richtig vorstellen, Morgen wieder Zuhause zu sein. Wir, das eingespielte Team.

Noch gute 250 km trennen uns von Zuhause! Aber wir freuen uns auf unsere netten Nachbarn und vor Allem auf unsere Söhne!

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Kommentare: 1
  • #1

    Diana (Donnerstag, 27 August 2020 23:14)

    Liebe Sabine, toll, dass ihr so viele schöne Momente auf eurer Reise erleben konntet! Ich habe es wieder genossen, deine fesselnden Berichte zu lesen und mich ein wenig so zu fühlen, als wäre ich dabei.
    Aber ich und bestimmt viele andere freuen sich auch riesig , dass ihr gesund wieder angekommen seid. Freue mich auf unser nächstes Date!
    Viele liebe Grüße



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