Zwischen den Orten Feces de Abaixo (E) und Vila Verde da Raia (P) liegt die Grenze, wir rollen auf der kleinen Nationalstraße N 532 von Spanien nach Portugalund tatsächlich: hier gibt es hier wieder Grenzschild!
Chaves mit seinen 40.000 Einwohnern, einer kleinen verwinkelten Altstadt, Thermalquellen und einer römischen Brücke liegt im Distrikt Vila Real. Das Guesthouse Ester befindet sich zentral im Stadtkern, die Gastgeberin ist verhalten freundlich und unser Zimmer so winzig, dass wir uns einen Plan machen müssen, wie wir unser Gepäck, Stiefel und Kombis unter kriegen, so dass man beim Aufstehen vom Bett, nicht darüber fällt. Für eine Nacht geht das schon.
Chaves, unsere erste Begegnung mit Portugal, fühlt sich sympathisch an. "Obrigado"," Bom dia", "Danke und Guten Tag" werden jetzt unsere minimalen sprachlichen Begleiter. Mit Englisch kommt man sehr gut durch und zur Not gibt es ja immer noch den Übersetzer im Handy.
Wir besuchen das erste portugiesische Restaurant. Portugiesische Küche? Die hat sich bei uns Zuhause nicht so durch gesetzt und wir sind hier die absoluten Neulinge. An der kleinen Rundbögen - Brücke, durch die der Tâmega gemütlich durch fließt, nehmen wir in einem kleinen Restaurant Platz. Es ist gut besucht und wir blicken verstohlen auf die Teller der anderen Gäste. Es scheint eine Spezialität zu geben, denn es essen alle dasselbe. Und das bestellen wir dann natürlich auch. Heute bleibt nicht nur die Küche des Restaurants kalt, sondern auch unsere. Wir bekommen eine große Platte mit rohem Schinken, so wie der spanische Jamon, wahrscheinlich Presunto de Barroso, der aus dem Norden Portugals stammt. Dazu gibt es verschiedene Käsesorten, Oliven und Brot. Wir verputzen alles, denn es schmeckt einfach himmlisch.
Von Chaves aus wollen wir natürlich ans Meer. Aber es ist Wochenende und es ist absolut schwierig, eine Unterkunft zu finden. Mein Mann ist fast den ganzen Abend auf der Suche nach etwas Passendem für uns und unserem Geldbeutel. Lange in Portugal bleiben wollten wir ohnehin nicht, aber Portugal verlassen ohne am Meer gewesen zu sein, ist ein absolutes No Go. Bert kämpft sich durchs Internet und durch die Buchungsportale und schließlich - wer suchet, der findet! - ist ein kleines Hotel zwischen Porto und Lissabon gefunden.
Bevor es wieder auf Strecke geht, gibt es bei der Wirtin im Guesthouse Ester noch ein leckeres Frühstück.
Porto umfahren wir großzügig und so geht es durch das bergige Hinterland, hoch und runter auf kleinen, wenig befahrenden Landstraßen, durch Weinberge soweit wir blicken können. Noch ist die Temperatur angenehm, kühl und frisch. Überall blühen Hortensien, groß und üppig von rosa über weiß bis hellblau. Wenn ich an meine auf der Terrasse denke, mickrig und klein! Und der blumige, fast berauschende Duft von wildem Jasmin steigt uns ab und zu in die Nase. Die Strecke ist ein wahrer Genuss bis wir wieder auf den Hauptstraßen unterwegs sind.
Zum Wochenende gibt es in den Orten allerhand Feste, die Innenstädte sind bereits festlich geschmückt und man ist mit dem Aufbau beschäftigt. Wir müssen durch einige Umleitungen und einmal fahren wir aus Versehen sogar mitten durch die Sperrung und landen zwischen Buden und Marktbeschickern. Man lässt uns großzügig und lächelnd durch, bis wir wieder auf der Strecke sind.
Praia de Mira (was so viel wie Strand von Mira heißt) ist ein kleiner Küstenort und Seebad der nahe gelegenen Kreisstadt Mira. Jetzt Anfang Juni ist er nicht überlaufen, von ausländischem Tourismus laut Wikipedia größtenteils verschont und mit seinen für die Region typischen mit blauen/weißen Längsstreifen versehenen Holzhäuschen, die überall zwischen den anderen Gebäuden hervor schauen und mit seinem kleinen Kanal und einem Seechen sehr sympathisch auf uns wirkt.
Im kleinen Hotel empfängt man uns sehr freundlich und wir können sogar zwei Nächte bleiben. Unser Zimmer ist ein typisches Hotelzimmer mit Bad und kleinem Balkon. Es macht nur einen kleinen Spaziergang entlang der Hauptstraße mit Restaurants, Kneipen, Cafés aus, bis man sich an dem typisch breiten feinsandigen Strand befindet. Strand rechts, Strand links soweit das Auge reicht! Die Luft ist salzig und feucht, durch die Brandung und die Gischt ist es leicht diesig, was eine ganz besondere Atmosphäre ausmacht.
Diesen Weg gehen wir jetzt mehrmals und kehren nicht nur einmal in einem bäckereiähnlichen Café ein, dass wir von nun Lieblingscafé nennen. Die Portugiesen lieben es süß und auch wir werden zu Fans. Es duftet bis nach draußen nach frischen Backwaren. Es gibt kleine Küchlein aus Blätter- oder Mürbeteig mit einer Art Vanillecremefüllung, Krapfen mit oder ohne Füllung, mit oder ohne Puderzucker, Mandeln bestückte Teilchen und und und. Auch Brot und Brötchen kann man kaufen. Obwohl ich sonst keinen Blättertag mag, der hier ist köstlich, vor Allem in Verbindung mit dieser genialen Creme. Die französische Crème Brulée kommt dem ein wenig Nahe. Das Café ist morgens, mittags, nachmittags und abends, also so gut wie rund um die Uhr gut besucht. Das ist ja bezeichnend!
Von den vielen Fischrestaurants suchen wir uns ein Kleines an der Hauptstraße aus, denn was wäre Portugal ohne Fisch? Gegrillte Sardinen, Caldeirada - portugisische Fischsuppe - , Dorade, Bacalhau - Kabeljau - und Pulpo!, diesen Tintenfisch, den es in allen Varianten in nahezu jedem Restaurant gibt, verweigern wir uns, denn schon alleine Gedanke an diese gummiartigen Fangarme mit den Saugnäpfen lässt uns die Nase rümpfen.
Die Wahl fällt auf Kabeljau auf Gemüse und Kartoffeln. Danach gibt es einen perfekten Sonnenuntergang am Atlantik. Was wollen wir mehr?
Auch Praia de Mira putzt sich für das kommende Fest heraus, Das Städtchen ist für den Verkehr gesperrt und Tribünen werden aufgebaut. Aus den Lautsprechern klingen entweder Soundchecks oder portugiesische Volksmusik.
Hunger haben wir auch wieder. Wir schleichen um die Restaurants und können uns einfach nicht entscheiden. Ganz spontan zieht es uns dann an eine Grillbude auf dem angehenden Volksfest. Man kann zwischen gegrillten Sardinen oder Befana - dünne Schweinfleischfladen im Brötchen - wählen. Wir entscheiden uns für Befana. Nicht gerade ein kulinarisches Highlight, das etwas dröge im Mund ankommt und mit ein paar Schlucken Bier verflüssigt werden muss, damit es nicht am Gaumen hängen bleibt.
Nach einem neuen, geschenkten First Class Sonnenuntergang, wollen wir uns die Festivitäten nicht entgehen lassen, ergattern uns einen guten Platz an der Brüstung und stehen erwartungsvoll in erster Reihe... und stehen und warten und stehen und warten und stehen uns die Füße platt. Mein lieber Mann ist nach einer dreiviertel Stunde des schon leicht genervt und tritt von links nach rechts und zurück. Als es nach 22.00 Uhr und fast 1 1/2 Stunden des Ausharrens endlich los geht, tobt das Publikum. Auf den "Marchas Populares", das am Abend 12. Juni gefeiert wird, hat man sich ganz bestimmt das ganze Jahr vorbereitet. Vereine und Institutionen marschieren auf. Farbenprächtig ist es und uns erinnert es an ein kleines Carnaval de Rio. Die Kleinsten, bei denen hellgrün und pink die vorherrschenden Farben sind, eröffnen den "Marsch" mit einer einstudierten Choreografie. Streng stehen die Lehrerinnen an der Seite und dirigieren ihre Schüler. Manche sind voll bei der Sache, vor Allem die Mädchen kokettieren, haben schon den den passenden Hüftschwung drauf in ihren rosa farbenen Tüllröckchen, manche gähnen aus voller Kehle, man sieht ihnen an ihre Müdigkeit zu später Stunde an, manche richten geistesabwesend ihre Krönchen. oder tanzen - zum Unmut ihrer Trainer - ganz aus der Reihe, Aber letztendlich klappt alles und es geht weiter. Jeder Verein hat seinen eigenen Rhythmus und manche ihre eigene Band.
Lange halten wir nicht mehr aus, überlassen unseren Premium Platz anderen und gehen mit unserem eigenen Rhythmus Richtung Hotel.
Wie soll es nun denn eigentlich weiter gehen? Weiter Richtung Süden, Richtung Algarve? Oder weiter querfeldein Richtung Spanien, Richtung Gibraltar?
Wir sind ziemlich planlos (was auch gut so ist) und entscheiden uns erstmal für die Querfeldein-Variante.
Wir fahren in Praia de Mira bei 16 Grad und Nebel los und kommen im spanischen Olivenza bei wolkenlosem Himmel und 32 Grad an. Dazwischen liegen noch knapp 300 km abenteuerliche Motorradmomentekilometer.
Aber das wissen wir ja jetzt noch nicht!





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