Der Aufenthalt in der kleinen Stadt Dax, dem zweitgrößten Kurort Frankreichs mit seinem großen Thermalbad, war nur kurz, wir verlassen das Städtchen Richtung Westen.
Die Straße Richtung Bayonne/Biarritz und Atlantikküste ist Schnur gerade und bietet nicht viel Landschaft, alles flach, alles grün rechts und links der Route. Kurz vor Bayonne staut sich der Verkehr und es geht nur noch im Stopp and Go voran. Es ist Wochenende, aber dafür neigt sich das Wetter zum Guten, Das Thermometer zeigt 25 Grad, Sonnenschein pur. Kein Wunder, dass alle an die Küste drängen. Wir sind Perlen an einer Perlenkette und in der Blechlawine kriechen wir mit all den anderen Fahrzeugen vorwärts, vom Mofa, auf dem cooler, smarter Typ sitzt, der kaum Platz darauf hat, weil sein buntes Surfbrett auch mit muss, über schicke, aufpolierte Oldtimer, bis zum Pick Up. Hübsche Mädels sitzen auf Rollern, ihre langen, bunten Halstücher flattern gerade dank des Staus nicht im Wind. Nur eins haben wir mit Ihnen nicht gemeinsam: wir wollen gar nicht an die Küste sondern nur einfach Richtung Spanien.
Aller Stau hat ja auch mal ein Ende und irgendwann geht es wieder flüssig voran. Noch wenige Kilometer bis Spanien. Paul und Paula surren wieder vor sich hin, als mir mein Mann das "Sch... - Wort" ins Ohr schreit. Ich zucke zusammen. "Ich habe den Apartementschlüssel noch in der Hosentasche!" Ich schreie das "Sch... - Wort" zurück. Zum Umkehren sind wir schon viel zu weit entfernt. Bei nächster Gelegenheit halten wir, schreiben der Vermieterin, schildern ihr unsere Lage und dass es uns außerordentlich leid tut, Wir würden selbstverständlich die Kosten für die Rücksendung, sobald wir wieder Zuhause sind und auch die Kosten für einen Schlüsseldienst zum Nachmachen eines Ersatzschlüssels, übernehmen. Tausendmal Entschuldigung. Wie peinlich! Natürlich hoffen wir auf Verständnis, denn so ein Missgeschick kann ja einfach mal passieren, nicht wahr!? Wir erhalten darauf eine wütende Nachricht mit der Aufforderung, den Schlüssel sofort zurück zu bringen oder man würde rechtliche Schritte einleiten und uns anzeigen!" Hui! Wir atmen erstmal durch! Damit haben wir nicht gerechnet, wie peinlich, das auch ist. Wir fahren auf keinen Fall mehr als 100 Km zurück. Wir bekunden nochmals unser Bedauern mit mehrfacher Entschuldigung. Dann muss sie uns eben anzeigen und wir stellen uns in Gedanken, vor wie uns die Französische Polizei aufspürt und wegen eines vergessenen Schlüssel fest nimmt oder Zuhause die Kripo auf uns wartet. Wir können nicht anders und fangen an, herzhaft zu lachen. Sie rudert dann mit ihrer Drohung zurück und zum Schluss versprechen wir, den Schlüssel am nächsten Tag per Express aus Spanien zurück zu senden.
Anstatt uns zu vergrämen, lassen wir den Schlüssel in Berts Hosentasche und setzen unsere Reise fort. Ein paar Kilometer können wir fließend fahren bis in Hendaye der nächste Stopp and Go auf uns wartet. An der Schlange vorbeischlängeln ist zwecklos, der Gegenverkehr ist ebenfalls dicht und Paul mit seinen schicken neuen Koffern viel zu breit.
Auch hier passieren wir eine Grenze und merken es wieder einmal nicht. Die Orte Hendaye (F) und Irun (E) verschmelzen förmlich miteinander. Entweder verpassen wir den Grenzübertritt samt Schild "Bienvenido a España" im Durcheinander des dichten Verkehrs oder es gibt auch hier tatsächlich keins. In einem Gewusel von Fußgängern, Fahrradfahrern, Rollern, Motorrädern und PKWs geht es auch hier nur schleppend voran. Aber auch dieser Stopp and Go endet bald, wir umfahren San Sebastian, der Verkehr wird immer lichter, und die Straße im Baskenland schlängelt sich in langen Kurven westwärts. Beim ersten Tankstopp, freuen wir uns, dass das Befüllen unserer Tanks nicht mehr so teuer ist. Wir folgen weiter N 634 und bei Zarautz treffen wir endlich wieder auf den Atlantik. An einer Haltebucht blicken wir hinunter auf die starke Brandung, die Sonne scheint zum ersten mal seit unserer Abfahrt von Zuhause mit voller Kraft, der Himmel ist knatschblau und wir können uns gar nicht satt sehen an der schönen Natur.
Dieser Küstenabschnitt ist Teil des bekannten Jacobsweg. Wir werden ihn noch öfters kreuzen oder Streckenweise entlang fahren und die Pilger, die wir jetzt sehen - es sind echt Viele - werden nicht die Einzigen sein, die wir auf unserer weiteren Strecke sehen werden.
Wir fahren weiter ein Stück an der Küste entlang, die so mächtig aussieht, bis wir die Randgebiete von Bilbao touchieren und uns mal in langezogen, mal in engen Kurven von der Küste Richtung Norden schlängeln, durch kleine Ortschaften im Inneren des leicht bergigen spanischen Baskenlandes fahren und von dort weiter in die autonome Region und Provinz Kantabrien, dessen Hauptstadt Santander ist. Das Dorf El Puente liegt wunderbar umrahmt von einer hügeligen Landschaft an einem kleinen Flüsschen. Wir haben mal ein Hotelzimmer mit angeschlossener Gastronomie gebucht. In positiven Rezensionen wird die familiäre Atmosphäre wie auch die besondere, einheimische Küche hoch gelobt.
Über eine kleine Brücke erreichen wir das kleine Gasthaus. Es sieht super urig aus.
SIE, vielleicht um die Vierzig, etwas kleiner als ich, trägt ein blaues, eng anliegendes T-Shirt unter dem man die Konturen eines leichten Damenbäuchleins erkennen kann, das Kämmen hat sie wohl heute Morgen vergessen, ihr dunkles Haar hängt ihr strähnig und leicht zerzaust auf die Schultern. Sie ist resolute Herrin und Chefin im Haus. Das merkt man sofort, als sie auf unser freundliches "Hola! Buenos dias" mit dem einem einzigen, forschen Wort: "Passport!" antwortet und auf ein freundliches, angehängtes por favor verzichtet. Sie kritzelt alle nötigen Infos aus dem Ausweis auf ein Blatt Papier. Dann führt sie eine Hand zum Mund mit der typischen Bewegung, "Cena?" "Cuando?" und zeigt auf die Uhr. Wir sprechen ja kein Spanisch, aber die paar Worte in Verbindung mit der Gestikulierung verstehen wir und nicken, "en un ora",das kriegen wir gerade noch zustande. dann greift sie wortlos ans Schlüsselbrett, bedeutet uns, ihr zu folgen und zeigt uns das Zimmer und verschwindet wieder genauso wortlos. Das Zimmer mit Bad und Balkon ist groß, sauber und gemütlich. Fast zu schön für eine Nacht, aber nein wir reisen morgen weiter. Zum Auspacken brauchen wir keine Stunde und spazieren noch ein wenig durchs Örtchen und pünktlich nehmen wir dann draußen an einem windgeschützten Tisch auf der Terrasse Platz. Der weibliche General von vorhin schmeißt eine Papiertischdecke immer noch wortlos auf den Tisch. Das Lächeln scheint sie während des Tages verloren zu haben. Naja, vielleicht hatte sie Stress und ist jetzt einfach nur genervt, dass zwei deutsche Touristen, die nicht mal ihrer Sprache mächtig sind, ihren Arbeitstag verlängern, denn wir sind die einzigen Gäste. Eine Speisekarte bringt sie uns nicht, sondern erzählt uns, was sie gedenkt, uns zu servieren. Wir verstehen "Patatas", "Jamon", "Insalada". Wir nicken wieder freundlich, es bleibt uns ja nichts anderes übrig! Wir erinnern uns an vielen guten Bewertungen und in Vorfreude auf etwas Leckerem warten wir geduldig und trinken unser erstes gezapftes spanisches "Cerveza", was schonmal, eiskalt, uns sehr mundet. Das ging aber schnell! denn kurze Zeit später steht Señora General mit 3 Tellern vor uns. Auf dem größeren Teller ist gemischter Salat angerichtet, der in reichlich Olivenöl schwimmt. Auf zwei kleinere Teller aufgeteilt sind ein paar Scheiben Jamón, dem typischen, geräucherten Schinken,, Pommes, also den Patatas und zwei Spiegeleiern. Die Patatas sind wie der Jamón, kalt, die Spiegeleier ebenso. Wir machen lange Gesichter und fragen uns, ob die lobenden Rezensionen Gekaufte waren? Eine Diskussion mit dem General ist wohl aussichtslos, also machen wir uns ans Werk und bringen es hinter uns: das erste spanische Essen, auf das wir uns so gefreut haben! Das fängt ja gut an, aber wie in Frankreich kann es ja nur noch besser werden!
Dafür schlafen wir gut in unserem ruhigen, schönen Zimmer mit den alten Holzdielen und den Klappläden an den Fenstern. Genauso wie das gestrige Essen ist das Frühstück, ein halbes Baguette mit Jamón für Bert und ein halbes Baguette mit Marmelade für mich. Aber der Kaffee schmeckt!
Und dann war da noch der Schlüssel in Berts Hosentasche. Es ist Montag und wir haben der Vermieterin in Dax versprochen, den Schlüssel wegen der Dringlichkeit per Express zurückzuschicken. Eine DHL-Verkausstelle haben wir im nahe gelegenen Örtchen Ampuero ausfindig gemacht.
Es ist bedeckt und sau kalt als wir bei der Generalin weg fahren. Unsere Navis finden die kleine provenzalische Poststelle direkt und ziel genau. "Das ist eine Postfiliale?", fragen wir uns beim Eintreten. Gleich auffallend ist eine große Glasvitrine, in der eine unsagbare große Kollektion an Miniaturalkoholflaschen präsentiert werden, von Cognac, über Unicum Zwack bis zum Kümmerling sind so gut wie alle Hersteller von Hochprozentigem vertreten. Unser Blick schweift über ein mit Akten voll geladenes Sideboard, an den Wänden hängende Postwerbung von Mitarbeitern, die freundlich lächelnd Pakete an Kunden ausliefern und bleibt schließlich am Schreibtisch, auf dem sich eine Zettellage von Papieren türmt, hängen. Und hinter diesem Schreibtisch sitzt - kaum erkennbar - der Postbeamte. Da er von Statur sehr klein und unscheinbar ist, ist er kaum auszumachen. Mit grau meliertem Haar und Nickelbrille schaut er uns fragend an. "Hola!", "Do you speak english?" Er schüttelt energisch mit dem Kopf und so halten wir ihm den Übersetzer unter die Nase, erklären unsere Lage und unterbreitem ihm unser Anliegen. "Si, per Express!" das Wort Express scheint ihn unter Druck zu setzen und dann noch, dass der Schlüssel, den wir ihm unter die Nase halten auch noch ins benachbarte Ausland soll, überfordert ihn und dass wir keinen Umschlag haben überfordert ihn noch mehr! Er telefoniert zwischendurch, gestikuliert, zeigt uns auf seinem PC und die auszufüllenden Formulare und rauft sich sein graues Haar. Ich sehe ihm an, wie nervös er ist, seine Hände zittern leicht. Immer wieder, blicken auch wir über seine schmächtige Schulter und auf seinen PC, sind beim Buchstabieren unserer Namen, Adresse usw. behilflich Und letztendlich dauert die ganze Prozedur 1 1/2 Stunden bis der Schlüssel endlich eingetütet ist. Zum Schluss sind wir 50 Euro und endlich den Appartementschlüssel los.
Es ist bereits mittags als wir endlich unsere Reise fort setzen können. Wir fahren wieder durch hügeliges, bewaldetes Gebiet auf der N 629 und da es ziemlich spät geworden ist, fahren wir entgegen unserer Gewohnheit ein gutes Stück Autobahn . In Villaviciosa in Astrurien erwartet uns in dem 15.000 Einwohner zählenden Ort wieder ein Appartement. Die vielen Herbergen mit dem obligatorischen Muschelschild zeugen davon, dass sich der kleine Ort am Jacobsweg befindet und sich auf Pilgertouristen eingestellt hat.
Wir machen ein kleines Restaurant ausfindig. Pilger, die ebenfalls, vermutlich hungrig nach einem anstrengenden Marsch, mit uns in das kleine Gasthaus einfallen, verlangen Speis und Trank. Ob es heute ein landestypisches Essen gibt, bezweifeln wir bei diesem Andrang und erwarten eine schnelle Abfertigung. Bei einer wirklich freundlichen und sogar lächelnden Bedienung, bestellen wir das Menu "del dia", das Tages Menü und hier erhalten wir es, ein wohlschmeckendes landestypisches Mahl, mit weißer Bohnensuppe, gegrilltem Gemüse, Fleisch und Patatas.
Am nächsten Tag führt uns unsere Route größtenteils entlang des Atlantiks. Mal versteckt er sich hinter hohen Bäumen und Büschen, mal können wir Blicke auf ihn erheischen, mal zeigt er sich ganz pur in voller Schönheit. Es ist mit 15 Grad Höchsttemperatur ziemlich frisch, aber dennoch angenehm zu fahren.
Wir stoppen am Playa de las Catedrales, einem Naturwunder das an gotische Kathedralen erinnern soll. Man muss schon viel Fantasie haben, sich gotische Kathedralen vorzustellen, bzw. wissen wie gotische Kathedralen überhaupt aussehen. Wir haben Glück, denn es ist nicht viel los. In der Hauptsaison wird der Zugang geregelt, um eine touristische Überbevölkerung zu vermeiden. Bei Ebbe kann man sogar eine kleinere Wanderung unternehmen. Der strahlend blaue Himmel macht das Naturschauspiel zu einem wahren Highlight. Die Höhlen und Felsenbögen sind wirklich beeindruckend.
Es sind nur noch wenige Kilometer bis zu unserer Unterkunft in Foz, dem kleinen Ort am Atlantik. An unserem Appartement, gibt es absolut nichts zu meckern. Es ist geräumig mit Küchenzeile, Schlaf- und Wohnessbereich getrennt, bezahlbar und vor Allem nur wenige 100 m zum Strand. Die Entscheidung, noch einen Tag dran zu hängen, ist schnell gefällt. Foz ist ein kleiner Ort in der Provinz Lugo an den Rias Altas, jenen Buchten mit Steilhängen entlang der der atlantischen Küste Galiziens. Mit 17 Grad Höchsttemperatur ist es ja nicht wirklich warm, das Klima hier ist wie fast überall am Atlantik ist ziemlich rau, das Wetter unbeständig. Aber die Sonne strahlt heute für uns und es ist kein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen, Der Strand ist breit mit feinem Sand und einer tollen Brandung. Wir lassen unsere Füße vom Atlantikwasser umspülen und hören den Wellen beim Rauschen zu. Das ist einfach fantastisch und entspannend zugleich. Sicher kennt jeder und liebt dieses Geräusch.
In den Restaurants nimmt man kaum Touristen wahr, auch Pilger vermissen wir hier.
Ein Lokal unweit unserer Unterkunft, an dem so eine Art Aquarium steht, in dem einige Hummer, deren Scheren zusammen gebunden sind, sie fristen ihr Dasein und warten darauf, in kochendes Wasser geworfen zu werden. Pulpo, dieser gummiartige Tintenfisch, ist ebenfalls eine Spezialität, aber Gerichte mit Fleisch gibt es auch. Wir entscheiden uns für Codillo (spanische Haxe) mit glasierten zwiebeln und die schon oft erwähnten Patatas.
Am zweiten Abend landen wir in einer echt typisch einheimischen Lokalität. Fast alle Tische sind belegt und wir finden noch einen Platz im Innenraum. Die Geräuschkulisse ist dementsprechend, alle trinken ihr Cerveza oder Vino. Jung, Alt, Mann, Frau, Familien treffen sich hier, man kennt sich und über die Tische hinweg vermischen sich ihre Stimmen in einem Gewirr. Ähnlich der Generalin von vor 3 Tagen Tagen führt das Gasthaus - Regiment auch hier eine resolute Mitfünfzigerin an, die, wie man so schön sagt, zum Lachen in den Keller geht. Sie aber geht bestimmt noch eine Etage tiefer. Wir bemühen uns, ihr ein Lächeln zu entlocken und geben es letztendlich auf. Die Angestellten hat sie voll im Griff, besonders den Herrn hinter Theke, der ihr Mann zu sein scheint. Raxo, die galicische Spezialität - Schweinelende mariniert mit verschiedenen, speziellen Gewürzen - einfach köstlich,
Nach diesem wunderbaren Erholtag setzen wir unsere Reise bei frischen 13 Grad, noch knapp 300 km sind es bis zur portugiesischen Grenze. Die Straße ist so gut ausgebaut mit kaum wahrnehmbaren Verkehr, das wir richtig gut voran kommen.
Portugal ist absolut unbekanntes Terrain für uns. Was uns dort wohl erwartet? Schau´n wir mal!






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