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Türkei Teil 5 von Göreme nach Canakkale


Endspurt Türkei


Die Schonfrist ist um, Sally und ich hatten jetzt 2 Tage Erholung. Es ist Zeit, weiter zu ziehen. Angst wieder aufs Motorrad zu steigen, habe ich überhaupt nicht.  Es geht weiter, weiter quer durch das Land. Heiß, staubig und windig. Der Asphalt ist durch die Hitze aufgeweicht und man kann ihn förmlich riechen. Völlig durchgeschwitzt und mit hoch roten Köpfen kommen wir in der Kleinstadt Aksehir, etwas nordöstlich der Regionshauptstadt Konya an. Je weiter westlich wir kommen, desto sauberer wirken Städte und Straßen auf uns, nicht mehr ganz so viel Müll liegt herum.

Ein normales Standarthotel - wie kann es anders heißen als "Grand Hotel!" empfängt uns mit einem Standartzimmer, aber mit einem Riesenbalkon und Blick in die Stadt. Wir durchstreifen das kleine Städtchen und suchen ein Restaurant. Viel Auswahl gibt es nicht und wir kehren in dem einzigen ausfindig gemachten Imbissrestaurant ein. Ein nicht besonders gut gelaunter Kellner bringt uns ein nicht besonderes Sis Kebab.

Gut ausgeschlafen kämpfen wir uns am nächsten Morgen immer weiter westwärts. Nach wie vor ist es heiß und wir freuen uns auf unser nächstes Ziel und vielleicht sogar etwas Ruhe in einem Resort Hotel außerhalb der Stadt Salihli. Die Bilder auf dem Buchungsportal sehen viel versprechend aus: eine Bungalow- und Poolanlage! Wir mutmaßen und scherzen schon unterwegs, was uns dort wohl erwarten mag! Ihr könnt es euch sicher vorstellen...

Die Anlage liegt irgendwo im türkischen "Nowhere", abseits der Hauptverbindung Ankara - Izmir und auch abseits der Gebietshauptstadt Salihli ca. 100 km östlich von Izmir. Schon bei der Einfahrt ins Tuana Holiday Village merken wir, dass das wohl keine gute Wahl war. Wir parken an der Rezeption, ein Häuschen wie an einem Campingplatz bildet das Tor zur Anlage. Noch durch das Motorengeräusch unserer Maschinen und durch den Helm vernehmen wir den Geräuschpegel, der sich nach dem Abstellen und Abnehmen der Helme erst so richtig entfaltet, ein Gemisch aus westlicher Diskomucke und kreischenden Kindern wie in einer überfüllten deutschen Badeanstalt dringt durch unsere Ohren. Was verlangt man von einem Holiday Village? Es empfängt uns ein rundlicher Jugendlicher, vermutlich der Sohn der Herbergseltern. Er wirkt leicht nervös und überfordert, als wir ihm unsere Buchung samt Buchungsnummer unter die Nase halten und schaut hilflos auf das Schlüsselkästchen hinter sich. Nach einer ausgiebigen Denkpause greift er mit den Worten hinter sich : "I found a room for you! I show you!" Vorbei an den lärmenden Kindern im Pool und allerhand kleiner und großer Müllberge, einem Gehege mit Gänsen und ein paar Schafen, führt uns der Junge zielsicher zu unserem, zum Glück etwas abseits gelegenen Bungalow. Eine Menge Hunde laufen herum und wir müssen aufpassen, dass wir nicht in deren Tretminen landen. Unsere Motorräder können wir unweit unserer Unterkunft unter einem schattigen Baum parken. Als ein geübtes Team, jeder hat beim Auf -und Abbau so seine Funktion ist mit ein paar Handgriffen unser Gepäck abgeschnallt und ins Zimmer getragen und die Motorräder sind gesichert abgestellt.  Sehr beeindruckt betreten wir unserer Unterkunft und fühlen uns ähnlich wie in der in Izmail in der Ukraine. Unser Apartment besteht aus einem Zimmer mit Bett, einem klapprigen Kleiderschrank und einem Kühlschrank. Alles ist farblich abgestimmt und mit einem Händchen für eine gelungene Dekoration, hat sich hier jemand besonders viel Mühe gegeben, dem Ganzen ein passendes Ambiente zu geben.  Unser Polsterbett ist in einem dezenten knallrot gehalten, dazu passende rote Bettwäsche und rote Vorhänge und die Wände sind freihändig (Abklebeband kennt man hier wohl nicht)hellgrau getüncht. Ein in gold gerahmtes Ölgemälde mit "Alpenpanorama" bildet das Herzstück des ganzen Raumes! Abgerundet wird das Ganze durch eine dezente Neonbeleuchtung! Noch etwas zum Badezimmer?... Rostige Armaturen an Dusche und Waschbecken, Halterungen sind zwar vorhanden aber die Ablagen dazu müssen wir uns denken. Eine nüchterne Glühbirne über dem Spiegel lässt mich besonders apart aussehen! Toilettenpapier ist auch in Form von einer Achtel Rolle reichlich vorhanden, dafür gibt es aber Duschgel und Shampoo in den üblichen, kleinen Hotelfläschchen in Hülle und Fülle. Dass wir den Fußboden nur mit unseren Badelatschen betreten, ist selbstverständlich! Kaum haben wir uns in unserer Wohlfühloase eingerichtet, klopft es und der junge Mann von der Rezeption steht vor uns und überreicht uns freudig einen großen Teller mit frischem, reifen Obst, das wir uns gerne nach der schnellen Dusche schmecken lassen. Mittlerweile ist es spät am Nachmittag und es wird Zeit, einen Zug durch die Anlage zu machen. Zuerst statten wir dem kleinen Streichelzoo einen Besuch ab. Das Durcheinander von Gänsegeschnatter, Schafgeblöke und Hundegebell neutralisiert ein wenig das Gewummer der Bässe, das aus der Riesenmusikanlage schallt und das wiederum übertönt den Radau an der Poolanlage! Diese Geräusche zerren ein wenig an unseren Nerven und wir müssen aufpassen, nicht aggressiv zu werden! Überhaupt, die gesamte Anlage ist kein Augenschmaus. Mülleimer stehen zwar überall herum, diese lässt man gerne leer und wirft seinen lieber Unrat daneben. Zur Freude der Hunde, die in diesem gerne herum wühlen. Der viele Bauschutt und grober Sperrmüll, der sich hinter dem Anwesen türmt, gibt dem ganzen noch eine ganz besondere Note.

Das leuchtende Blau des Pools lädt zwar zum Schwimmen ein - es befinden sich fast nur Jungs und Männer im Wasser. Klar, wir befinden uns in einem moslemischen Land! - aber nein, danach ist uns doch nicht.

Da sich rund um unser First Class Resort nichts außer einer Bushaltestelle befindet, sind wir gezwungen unsere Essensaufnahme im eigenen Hotelrestaurant zu tätigen. Der in Neonlicht getauchte Raum ohne viel Schnörkel mit in Reihe gestellten großen Tischen, lädt zum Verweilen ein. Wir haben die Wahl, denn wir sind die einzigen Gäste. Nun lernen wir auch die Hausherrin in Form einer leicht blondierten, freundlich wie ihr Sohn lächelnden Mitvierzigerin kennen. Da sie außer türkisch keine andere Sprache spricht und wir kein türkisch ist es mit der Verständigung etwas schwierig. Aber mit Gestik und ein paar Brocken klappt es dennoch! "Chicken, Kartoffel?" fragt sie uns? Uns bleibt ja nichts anderes übrig, als zu nicken. Mit ihrem freundlichen Lächeln verschwindet sie in der Küche und kurze Zeit später vernehmen unsere Ohren angenehme Brutzelgräusche. In der Anlage ist es mittlerweile ruhig geworden, der Musik ist verstummt und für die vielen Kinder ist anscheinend Bettzeit angesagt. Ein Mann, der einen gewaltigen Bauch vor sich her trägt, sicher der Mann der Chefin - also der Chef der Anlage - betritt genauso freundlich lächelnd wie seine Frau das Restaurant und begibt sich hinter die Theke. Oh, was ist das? Mein Mann entdeckt neben der Theke einen Kühlschrank voller Effesflaschen! Ein Bier zum Essen ist uns sicher! Wenn das Chicken nicht schmeckt, dann wenigstens das Bier! Wir wissen gar nicht mehr, wann wir den letzten Alkohol zum Essen genossen haben, so lange ist das her. Ein eiskaltes Effes ist jetzt genau das richtige für uns!

Der Chef meint es gut mit uns und verschönert unseren Aufenthalt mit knatschender Hintergrundklaviermusik à la Richard Clayderman aus seiner etwas kleineren Anlage als die draußen.

Die freundliche Chefin serviert uns einen Teller voll mit gebratenem Hühnchenschnitzel und heißen Pommes und einen kleinen Salat dazu. Was wollen wir mehr? Noch dazu schmeckt es richtig gut. Noch ein Effes und wir sind überglücklich.

Unterschiede zwischen west und ost scheint es nicht nur bei der Müllfrage zu geben - hier im "Westen" scheinen die Straßen und Orte etwas gepflegter zu sein -  sondern auch bei der Auslegung, ob man in der Öffentlichkeit Alkohol konsumieren darf.

Auch das alles ist natürlich eine subjektive Betrachtung unsererseits.

Gut 350 km sind es noch bis zu unserem letzten Ziel ganz im Westen der Türkei. Die Stadt Canakalle an den Dardanellen, die wir mit der Fähre überqueren wollen, um wieder in den europäischen Teil der Türkei zu gelangen, liegt ca 300 km nördlich von Izmir.

Kurz hinter Salihli geraten wir in eine Polizeikontrolle. Diesmal winkt man uns nicht durch. das Zeichen des Polizisten ist eindeutig. Wir sollen halten. Ich werde gleich nervös! Sind wir zu schnell gefahren?... Ja, so wie alle anderen auch, bei 50 mindestens 90. Aber die anderen waren noch viiiiel schneller!... Haben wir beim Überholen eine durch gezogene, weiße Linie überfahren?... Ja, so wie alle anderen auch!... Haben wir die ein oder andere rote Ampel überfahren?... Ja, Die hinter uns haben uns dazu mit kräfitigen Hupen genötigt und sind ebenfalls bei rot gefahren!... Das war aber nicht hier!... Mal sehen, was man uns vorwirft. Wir fahren rechts ran, machen die Maschinen aus und klappen unsere Helme hoch. Während ein Polizist genüsslich um unsere Motorräder geht und sie wohlwollend betrachtet, tue ich es meinem Mann gleich und versuche schon mal, meine Papiere raus zu kramen. Der andere Beamte winkt aber freundlich ab, die bräuchte er nicht und fängt ein Gespräch mit uns an. Wo wir her kommen, wo wir hin wollen. Alles in einem recht guten Englisch. "BMW, Suzuki... ah,  good Bikes!" heben Beide ihre Daumen. "Do you like Turkey?" Was für eine Frage! Sie staunen  nicht schlecht, als wir aufzählen, wo wir überall waren. Noch eine abschließende Frage - haha - nach Berts Alter und ein "good luck!" und wir dürfen weiter fahren.

Heute ist Tag der Polizei! Bei einer kurzen Rast an einer Tankstelle parkt ein Polizeiauto neben uns. Auch hier spricht uns der Beamte freundlich an und tut uns seine Begeisterung für Motorräder kund, zeigt uns Fotos von seiner Maschine auf dem Smartphone Es ist ein kleines, nettes Gespräch am Rand. Immer wieder sind es die Begegnungen mit den Menschen, die auch diese Reise zu einem besonderen Erlebnis machen. 

Es ist Nachmittag als wir an unserem Ziel ankommen, dem Troja Tusan Hotel etwas außerhalb von Canakalle und wie der Name schon sagt, unweit der Ausgrabungsstätte Trojas. Sollte es uns dieses Mal hier wirklich gefallen, möchten wir noch einen Tag dran hängen und wenn möglich, Troja besichtigen.

Krasser können die Unterschiede nicht sein. Das Hotel ist zwar etwas in die Jahre gekommen, dafür aber tipptopp gepflegt. Wir bekommen ein Zimmer mit Balkon und können von hier aus direkt auf die Dardanellen blicken. Und das Ganze fast zum gleichen Preis wie das runter gekommene Holiday Village der letzten Nacht!

Es wartet sogar mit einem eigenen, gepflegten Strandabschnitt auf. Das Wasser des Mittelmeeres ist hier glasklar und keine Frage, hier gehen wir selbstverständlich schwimmen. Das ist erste Mal auf dieser langen Reise, dass wir unsere Badesachen auspacken. Das kühle Meer mit wenig Wellengang tut so richtig gut nach einer langen Fahrt im heißem Wind.

Wir können unseren Aufenthalt um einen Tag verlängern und das Hotel bucht sogar eine Führung in Troja inklusive Transport für uns.

Den nächsten Tag gehen wir also ganz gelassen an und beginnen mit einem gediegenen Frühstücksbuffet und einem "echten Kaffee aus einer echten Kaffeemaschine", danach ein erneutes kleines Schwimmerlebnis im seichten Mittelmeer und ein paar Stündchen Relaxen an einem leeren Strand!  Besser kann es uns momentan nicht gehen!

Wir werden pünktlich am Hotel abgeholt und anstatt eines mit weiteren Touristen überfüllten Busses, steigen wir als Einzige ein. Unser "persönlicher" Guide heißt uns herzlich willkommen und die paar Kilometer bis Troja fahren wir auf einer kleinen Küstenstraße. Wir bedauern, jetzt nicht auf unseren Motorrädern sitzen zu können, das wäre eine perfekte Strecke. Im Auto ist es schön, aber eben nur halb so schön.

Troja, wer kennt das nicht? Die Sage um das trojanische Pferd, damals in der Schule war das so uninteressant für mich! Unsere persönliche Führung durch die Hitze der Ausgrabungsstätte dauert ca. 2 Stunden. 2 Stunden voller Informationen. 9 Schichten, 9 x Troja, immer wieder zerstört durch Erdbeben oder Feuer von 3000 v. Chr. bis hin zu den Römern. Wir laufen in der Hitze auf den Ruinen, sind fasziniert und unser Guide füllt uns auf mit Informationen. Bestückt mit einer Menge Wissen verlassen wir diesen besonderen historischen Ort.

Mit einem Essen auf der Hotelterrasse, einem eiskalten Bier und einem phänomenalen Sonnenuntergang lassen wir diesen wunderbaren Tag ausklingen!

Uns ist schon ein wenig wehmütig zumute, 2 1/2 Wochen voller Erlebnisse liegen hinter uns. 2 1/2 Wochen gespickt mit so vielen Motorradmomenten. Dieses Land hinterlässt große Spuren in uns. So Manches war nicht ganz so in Ordnung, vor Allem, was das Umweltbewusstsein angeht. Auch vom Essen waren wir ab und an enttäuscht, hatten wir uns doch so auf die typisch türkische Küche gefreut. Aber die Grundfreundlichkeit, Gastfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Herzlichkeit, Höflichkeit und Offenheit der Menschen werden wir absolut vermissen. Niemand, aber auch wirklich niemand ist uns in diesem Land unfreundlich oder gar feindlich begegnet! 

Was wir allerdings nicht vermissen werden, ist der wuselige Verkehr, der manches Mal dem Georgischen sehr nahe kam. Immer musste man mir dem Unvorhersehbaren rechnen: Trecker oder Pferdefuhrwerke, die einem auf der 4 spurigen Schnellstraße auch gerne mal auf dem Standstreifen entgegen kamen. Und dann sind da diese vielen Mofas und kleinen Roller, auf denen gut eine 3 köpfige Familie Platz hat. Helme sind vollkommen überbewertet, und der Fahrer daddelt gerne einmal an seinem Handy. Überhaupt telefoniert man während der Fahrt sehr gerne oder verfasst auch vielleicht wichtige WhatsAppe. Da kommt es auch schon einmal vor, dass man abrupt von über 100 Sachen runter auf 30 km/h runter bremsen muss. Es sind doch die anderen, die aufpassen müssen! Und während man so mit dem Handy beschäftigt ist, zündet man sich dabei auch gerne mal genüsslich eine Zigarette an. Und weil man dann so den Kopf mit wichtigen Dingen voll hat, an der Zigarette ziehen muss, steht einem nicht so der Sinn, sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren! Handybedienen und Rauchen sind  viel wichtiger! Anschnallgurte sind auch nur Zierde in den Fahrzeugen. Kinder auf dem Rücksitz? Nein, wozu? Die quengeln doch viel weniger, wenn sie bei Mama auf dem Schoß unangeschnallt auf dem Beifahrersitz kuscheln oder stolz auf Papas Schoß beim Fahren unterstützend ins Lenkrad greifen.

Eine zivilisierte Fahrweise müssen auch wir uns erst wieder angewöhnen.

Auch der Muezzin, der uns jeden Morgen gegen 4.30 Uhr (warum gerade um diese Uhrzeit?) uns aus unseren Träumen gerissen hat, wird uns nicht fehlen.

 

Was Corona angeht, haben wir gehört, dass die erhöhten Inzidenzwerte in Deutschland besonders durch Reiserückkehrer aus der Türkei verursacht werden. Wir können uns das kaum vorstellen, Coronaregeln werden hier zumindest meistens, genauso wie bei uns beachtet, selbst an der freien Luft tragen die Menschen vielerorts Masken und in Innerräumen wie Supermärkten, öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Tragen Pflicht!

 

 

Morgen werden wir dieses wunderbar freundliche, aber dennoch widersprüchliche Land Richtung Griechenland verlassen. Wir sind bereit für Neues!

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Kommentare: 1
  • #1

    H. (Dienstag, 07 September 2021 21:41)

    Fadschr - Morgendämmerung, da muss gebetet werden, das erste von fünf Pflichtgebeten…., scheinbar ist das um 4:30 Uhr �
    Stronzies

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