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Moldawien

Moldawien, Gagausien und ein Russe im Wohnzimmer

Moldawien!... Moldawien?

Jeder hat sicher schon einmal das Wort Moldawien gehört, aber keiner weiß wohl so richtig, etwas damit anzufangen, oder?

Eigentlich heißt Moldawien nur umgangssprachlich so, der offizielle Name lautet: Republik Moldau. Dieses kleine Land am Rande Europas ist so groß wie unser Bundesland Nordrhein Westfalen und hat ca. 3,5 Millionen Einwohner (wobei unsere Quellen zwischen 2,5 und 4,5 schweben. Ich entscheide mich für die Mitte). Mit dem Fluss Moldau in Tschechien hat es nichts zu tun, sondern leitet sich wahrscheinlich vom Namen des Flusses Moldowa in Rumänien ab. Bis 1991 war es Teil der Sowjetunion. Die Republik Moldau ist eines der ärmsten und eines, der am wenigsten besuchten Länder Europas. Tourismus spielt in dem kleinen Land keine große Rolle. Hier gibt es das älteste Weingut und den größten Weinkeller der Welt. Weinbau gibt es überall!

Und weil es fast auf unserem Weg liegt, ist das ein Grund für uns, einmal dort vorbeizuschauen.

Wir umfahren zunächst die Großstadt Cernowitz, fahren entlang der rumänischen Grenze und beim kleinen Ort Mamalyha passieren wir die Grenze, die Temperaturen sind angenehm, die Sonne scheint und wir hoffen, die Regenklamotten im Gepäck zu lassen.

Am Grenzübergang ist nichts los, ein, zwei PKW´s vor uns und dementsprechend geht es zügig , bei der Ausreise aus der Ukraine sowie bei der Einreise nach Moldawien. Unser Ziel ist die zweitgrößte Stadt des Landes namens Balti (die Größte ist die Hauptstadt Chisinau). Hier haben wir ein Apartment gebucht und hoffen, dort früh anzukommen, um noch ein wenig von der Stadt zu sehen. Über eine mit alten Platten, vermutlich noch aus Sowjetzeiten gepflasterte Hauptstraße hoppeln wir unserem Ziel entgegen. Obwohl wir deswegen nicht richtig vorankommen, sind wir trotzdem gut in der Zeit. Jetzt heißt es noch das "Apartment on Mainstreet" zu finden.  Wie so oft im ehemaligen Ostblock sind Häuser schlecht mit Hausnummern  ausgerüstet, unsere Naviapp sagt Ziel erreicht und wir halten. Geschäftshäuser wie auch alte Plattenbauhäuser weisen keine Hausnummern aus. Wir rufen die in der Buchung angegebene Nummer an. Die Dame am anderen Ende behauptet allerdings, das Apartment sei storniert worden und es sei nun anderweitig belegt und.... legt auf! Nein! Zu keiner Zeit haben wir von unserer Seite die Buchung rückgängig gemacht!

Und nun? Unschlüssig sitzen wir auf den Stufen vor dem Haus und machen lange Gesichter. Aufregen hilft da nicht weiter, eine Lösung muss her! Mittlerweile ist es später Nachmittag. Gut, dass es Internet gibt, dann suchen wir eben eine neue Bleibe. Ins Auge fällt uns eine private Unterkunft, die 30 km außerhalb liegt, ein Häuschen mit dem Namen "Casa Rustica". Oh, ein Häuschen für uns allein, das wäre jetzt genau das Richtige! Vielleicht sogar besser, als so eine Stadtwohnung in der zweitgrößten Stadt Moldawiens. Wir werden sehen! Kurzerhand buchen wir spontan um und begeben wir uns wieder auf den Weg. Der kleine Ort Chiscareni ist relativ schnell erreicht. Jetzt heißt es noch das "Casa Rustica" finden. Unser Navi lässt uns in eine Seitenstraße einbiegen. Oje!!! Ein ungepflasterter Weg mit Steinen und Geröll  führt uns bergauf mit einer heftigen Steigung zu unserem Domizil. Wir werden es schon schaffen, meine Sally und ich! Bevor der Anstieg beginnt, muss ich noch einmal durchatmen und wäre ich gläubig, würde ich beten. Früher wäre ich da ohne nachzudenken einfach hoch, aber jetzt mit Sechzig ist das anders. Nun heißt es, bloß keine Fehler machen mit über 200kg unter meinem Gesäß. Auch meinem erfahrenen Mann ist bei dieser Steigung nicht ganz wohl. Am liebsten würde ich jetzt los weinen, aber das nützt jetzt auch nichts. Irgendwie schaffen wir es nach oben, holpern am "Casa Rusitica", dass wohl genau an der stärksten Steigung liegt (ich übertreibe nicht ;-)!) vorbei. Bei der Schräglage und all dem Geröll kann ich nicht halten. Auf einem kleinen "Plateau" kurz hinter dem Haus, kommen wir Beide nassgeschwitzt zum Stehen. Alles ist mir jetzt egal! Wir rangieren gemeinsam und mein lieber Mann bugsiert unsere beiden Motorräder zur Unterkunft. Eine Frau kommt gleich angelaufen. Ja, hier sind wir richtig und sie heißt uns herzlich willkommen und führt uns in unser Häuschen. Ich zittere immer noch ein bisschen, aber mein Adrenalinpegel sinkt langsam.

Sie spricht russisch, rumänisch, kein Englisch, aber  - man staune- französisch! Ich krame im letzten Winkel meines Gehirns mein Schulfranzösisch hervor und irgendwie klappt es mit der Verständigung. Leider werden wir bis zum Schluss ihren Namen nicht erfahren, wir nennen sie fortan Madame.

Das Haus ist mit sehr viel Liebe traditionell eingerichtet, das sieht man gleich. Es lädt zum sofortigen Wohlfühlen ein.

Hier ist es nicht selbstverständlich, dass jedes Haus fließend Wasser hat. Die Meisten haben ihren eigenen Brunnen und jeder Eimer Wasser muss mühsam von unten hoch gezogen werden. Wir in unserem Ferienhaus sind da privilegiert und drehen wie zu Hause den Wasserhahn auf.

Der Motorradanstiegsangstschweiß muss erst mal abgespült werden!

Es ist schon nach 20.00 Uhr, aber Madame bereitet uns noch ein warmes Essen. Traditionell natürlich! Irgendetwas mit Hammelfleisch, Salat und eine Art Grieß! Wir können nur sagen: "Es schmeckt wunderbar!" Noch dazu einen selbst gemachten Wein von den Trauben aus dem eigenen Garten nebenan.

Madame wohnt fußläufig ein paar Meter unterhalb unserer Unterkunft und wir haben tatsächlich dieses kleine Häuschen für uns alleine. "Bonne nuit, Madame". All die Anspannung sackt und wir genießen noch für einen Augenblick die tolle Aussicht . Bis.... sich der Himmel zuzieht und ein Unwetter los geht. Es stürmt, gewittert und schüttet. Wir aber fühlen uns sicher in unserem Casa Rusitca , sind müde von der ganzen Anstrengung des vergangenen Tages und fallen in die frisch gemachten Betten, schlafen schnell und wohlig ein.

... Bis.... 

Es ist ca 3.00 Uhr nachts. Ich wache auf! Ich muss mich erst sortieren! Neben mir mein Mann, dem es ähnlich geht. Irgend etwas hat uns aus dem Tiefschlaf wach gerüttelt! Wir Beide nehmen Geräusche wahr! Es rumpelt, eine Tür klappt! Ich sortiere immer noch, während ich aufrecht in meinem Bett sitze: Wir befinden uns in einem kleinen moldawischen Dorf namens Chiscareni... in einem Ferienhaus namens "Casa Rusitca". Eine überaus nette französisch sprechende Vermieterin, die uns super bekocht hat... Nein, ich träume nicht. Ich bin ganz klar. Mein Bert sitzt genauso aufrecht im Bett wie ich. Wir schauen uns an. Draußen donnert und blitzt es, aber irgend etwas stimmt nicht. In unserem "Wohnzimmer" geht das Licht an. In unserem Wohnzimmer geht das Licht an? ... Wer, um Himmels Willen, knipst in UNSEREM Haus mitten in der Nacht bei einem Gewitter das Licht an? 

ÜBERFALL!!!??? Man will uns ausrauben, so mein erster Gedanke, während mein Mann schon auf gesprungen ist und ins Wohnzimmer geht, um  die Lage zu checken. Ich schleiche hinter ihm her... wir beide im Schlafanzug! Da steht tatsächlich und wahrhaftig ein Mann mitten in unserem Wohnzimmer. Er redet auf uns ein! In Russisch! Also, ein Russe, so vermuten wir (seine wirkliche Herkunft werden wir nie erfahren!) Aber das ist jetzt in dieser Situation auch völlig egal. Wir verstehen kein Wort! Um das Haus herum blitzt und donnert es! Es ist 3.00 Uhr nachts. Meine Intuition sagt mir: Man will uns NICHT ausrauben! Irgendwie sind wir ganz ruhig und verspüren nicht einmal Angst! Der Mann sieht ganz friedlich aus. Hat auch außer einer Goldkette nichts furchterregendes an sich. Eine Waffe oder Ähnliches hält er auch nicht in der Hand. Eine, offensichtlich seine Frau, kommt hinzu und spricht ein paar Brocken Englisch... Wir interpretieren, dass sie sich verfahren haben und auf der Suche nach einer Unterkunft sind. Das Wort "Administrator" fällt häufig. Wir schaffen es, ihn runter zur Madame zu schicken!... Er verschwindet, wie er gekommen war! Mit seiner Frau!... Wir aber stehen weiterhin sehr ratlos in unseren Pyjamas da!... Mitten in der Nacht im moldawischen Dorf Chiscareni bei einer französisch sprechenden Vermieterin.

An Schlaf ist jetzt natürlich nicht zu denken! Mein Herz pockert wie wild, das merke ich jetzt erst. Wir schließen uns in die Arme! Es ist nichts passiert in dem Dorf Chiscareni in Moldawien!

Und wer sich jetzt fragt: "Warum habt ihr die Tür nicht abgeschlossen?", der erhält eine ganz einfache Antwort: "es gab nichts abzuschließen im "Casa Rustica", nicht einmal ein Türschloss!

Die Nacht geht unruhig zu Ende, das Unwetter ist aber zum Glück weiter gezogen.

Madame bringt uns Frühstück und wir erörtern mit ihr - comme ci, comme ca - die Ereignisse der Nacht. Auch sie kann es selbst nicht fassen, dass ein Mensch... ein Russe...oder welcher Nationalität auch immer... zumindest sprach er russisch... in das Haus eindringen konnte, Licht machen konnte ....  Es war zum Glück kein Einbrecher!

Zu schön ist es trotzdem bei Madame im Dorf Chiscareni.... Wir sehnen uns wenigstens noch nach einem Tag Ruhe... und buchen noch eine Nacht dazu!

Von Madame erhalten wir ein VORHÄNGESCHLOSS für die kommende Nacht. Trotz dieser Ereignisse fühlen wir uns sicher und wohl bei Madame in unserem Ferienhaus "Casa Rusitica" im Dorf Chiscareni in Moldawien! Der Tag beginnt sonnig und so vertrödeln wir ihn auch. Noch dazu werden wir von Madame mit leckerem Essen verwöhnt

Tatsächlich haben wir gut geschlafen und fühlen uns ausgeruht. Das Vorhängeschoss hat uns doch ein wenig Sicherheit gegeben und unsere ganz persönliche Zuversicht hilft uns noch dazu.

Jetzt heißt es wieder Aufbruch. Wir wollen weiter fahren. Madame stand wohl schon früh morgens in der Küche, denn sie hat Frühstück bereitet. Sie meint es wirklich gut mit uns, denn es gibt Nudeln mit Bouletten, reichlich Tomaten und Gurken, Brot, Ziegenkäse. Ich will nicht unhöflich sein, aber Nudeln zum Frühstück? Und dann noch dick und fett in reichlich Butter gewälzt, Nein, ich schaffe das nicht. Meine lieber Mann isst wenigstens die Bouletten. Ein wenig Enttäuschung kann ich im Gesicht von Madame erkennen. Sie hatte mal einen Deutschen zu Besuch, der hat alles aufgegessen!... Sie gibt uns noch Proviant mit und eine große Tüte Tomaten aus ihrem Garten.

Und dann ist der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Diese 2 Tage mit Vollverpflegung haben uns ganze 40,- Euro gekostet. Danke Madame, wir werden dich weiter empfehlen!

Leider kommen wir nicht drum herum, müssen wir, muss ich diesen steilen Berg vom "Casa Rustica" wieder runter und ich hoffe, meine Sally trägt mich sicher zur Hauptstraße . 

 

Ja, natürlich tut sie das! Manchmal braucht es eben nur etwas Mut!...

Unsere Reise im kleinen Moldawien setzen wir fort. Unser nächstes Ziel ist die Stadt Comrat, Hauptstadt Gagausiens. Hat man noch nichts von Moldawien gehört, so hat man sicher auch  noch nichts Gagausien gehört! Wir auch nicht! 

Gagausien ist ein autonomes Gebiet innerhalb der Republik Moldau, die unabhängig geführt wird und seine eigene Sprache hat. Es ist kleiner als das Saarland und hat weniger Einwohner als dieses. 160000 Gagausier sollen hier leben, ca. 20000 davon in Comrat.

Langsam wird es wärmer und wärmer, wir schwitzen tatsächlich, das diesmal ein richtig angenehmes Gefühl ist. Wir beziehen ein kleines Zimmer eines neu gebauten Hotels an der Hauptstraße zwischen alten Plattenbauten und mit Eternitplatten gedeckten, verfallenen kleinen Häusern. Am Samstag Nachmittag ist tote Hose in der Stadt, die meisten Geschäfte, sind wie bei uns, ab 14.00 Uhr geschlossen. Wir spazieren die Hauptstraße auf und ab. Abends kehren wir in einem Lokal ein, das Essen schmeckt und wir beobachten das abendliche Treiben.

Das war es dann auch schon mit unserem Abstecher nach Moldawien! Trotz der nächtlichen Vorkommnisse, wofür keiner etwas konnte, haben wir es nicht bereut, dieses sympathische, doch so unbekannte Land zu besuchen. Es war auf alle Fälle eine Reise wert. Jetzt wollen wir aber weiter und fahren ein zweites mal in die Ukraine.

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Kommentare: 3
  • #1

    Heidrun (Mittwoch, 11 August 2021 17:58)

    ….hat ja Thrillerpotenial… ;-)

  • #2

    Christian Hammann (Montag, 16 August 2021 19:34)

    Nächtliche Vorkommnisse ist ja wie im Krimi erinnert mich ein wenig an Igor mittags um 12 Uhr Ganz liebe Grüße Chrischaaan

  • #3

    Saša Popržen (Freitag, 03 September 2021 22:58)

    Jetzt habe ich angefangen euer Reisebuch zu lesen. Bis jetzt - spannend und sehr interessant!
    Liebe Grüße
    Saša

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