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Solowetzki Inseln


Solowetzki, Kloster, Gulag und eine Walschlappe


Sehr nachdenklich verlassen wir Murmansk und auf der gleichen Straße, die wir gekommen sind, fahren wieder Richtung Süden und obwohl noch so Einiges vor uns liegt, geht es irgendwie auch in Richtung Zuhause... So trüb wie das Wetter ist, ist auch unsere Stimmng.

Es regnet zum Glück nicht, als wir am Sonntag Morgen bei wenig Verkehr die Stadt verlassen. Mit jedem gefahrenen Kilometer bessert sich das Wetter, die Sonne kommt mehr und mehr durch, bis wir nur noch blauen Himmel haben. Es tut gut, Sonnenstrahlen zu spüren.

Wir übernachten noch einmal, wie auf dem Hinweg, in Kandalakscha und fahren weiter auf gleicher Straße - bei Sonnenschein sieht doch gleich alles viel besser aus - nach Kem, von wo aus wir mit der Fähre am nächsten Tag zu den bekannten Solowetzki Inseln wollen.  Auch in Kem nächtigen wir im gleichen Hotel, wie auf der Hinfahrt, dem Resort "Prichal".

Ein kleiner Spaziergang durch den Ort abseits der Hotelanlage zeigt uns, wie hier die Menschen im wahren Leben ihr Leben leben. Es scheint ziemlich trist zu sein. Gar nicht auszumalen, wie es im Winter hier sein mag!  Zerfallene, aber belebte Holzhäuser, Müll und Schrott, matschige ungeteerte Wege. Kein Wunder, dass hier wohl Viele dem Wodka zusprechen, so einige starl alkoholisierte Männer wie Frauen begegnen uns torkelnd. Streunende Hunde zotteln ebenfalls durch die Gegend.

Nachdenklich wie aber auch hungrig erreichen wir das Resort. Diesmal fallen wir nicht darauf herein und essen nicht im Hotelrestaurant und verzichten auf ein boulettenartiges Steak und gehen lieber runter an den Hafen und kehren in den Imbisskiosk ein, dem einzigen Ort, wo wir noch etwas Essbares bekommen könnten. Ja das gibt es: Trockenfisch und Streuselkuchen. Wir trinken ein "frisch" Gezapftes, beoabachten das Geschehen im Tanteemmaladenkioskimbiss und essen dann doch eine "Boulette" alias Sirloin Steak im Hotelrestaurant.

Es ist Polartag und es bleibt ewig lange hell, wir fallen wie tot in unsere Betten, morgen müssen wir ja früh raus. Die frühe Fähre auf die Solowetzki Inseln ist bereits gebucht und unsere Motorräder lassen wir sicher für 2 Tage auf dem Hotelparkplatz stehen.

Solowetzki, ein erneutes Highlight auf unserer Liste!

Die Solowetzki Inseln, eine Inselgruppe im Weißen Meer, sind äußerst geschichtsträchtig und für viele  Russen ist der Besuch ein "Muss".  Für uns ist sie doch so unbekannt und wir sind sehr gespannt. Bevor wir unsere Reise planten, haben wir noch nie davon gehört. Die im 15. Jahrhundert von Mönchen gegründete Klosteranlage wurde in den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts schreckliches Internierungslager. Gulag für Kritiker des Sowjetsystems. Bis zu 70.000 Häftlinge mussten hier unter katastrophalen Bedingungen schreckliche Zwangsarbeit leisten, genaue Todeszahlen gibt es nicht. Was für ein schrecklicher Ort! Quer zur Klosteranlage sieht man noch zugewachsene Reste der Gulaganlage. Nach 1937 wurde es unter Stalin "normales Gefängnis". Ein kleines Museum erinnert daran. Wenigstens gibt es damit einen  Erinnerungsort. Erinnerung an all die vielen, meist mnamenlose Opfer! Leider auch hier in keiner anderen Fremdsprache, so dass wir nichts, was dort geschrieben ist, lesen können. Aber all die Bilder und Fotos sprechen ihre eigene Sprache. Obwohl wir als Deutsche unsere eigene Vergangenheit in uns tragen, macht uns dieser kleine Ort sehr betroffen und wir bemerken, dass die Ex-Sowjetunion unvorstellbar brutal war und Stalin mehr als nur ein menschenverachtender Diktator. Ein Wort hiefür fällt uns nicht ein. Was uns schon vielerorts in Russland und anderen Ex-Sowjetrepubliken aufgefallen ist, dass die Greueltaten der Sowjetunion und die schrecklichen Verbrechen Stalins wenig oder kaum aufgearbeitet werden. Die Menschen scheinen von all dem nicht viel wissen zu wollen.

Seit dem Zusammenbruch der SU wird das Kloster wieder als Solches betrieben und ist für Orthodox Gläubige seither Pilgerort.

Etwas über 900 Menschen sollen auf der Insel leben.

Punkt 8.00 Uhr morgens startet unsere Fähre Richtung Solowetzki. Eine Traube Menschen steht schon um 7.30 Uhr am Anleger, wir stellen uns brav an. Eine gewichtige Dame, vielleicht heißt sie Olga oder Natalia, gibt Anweisungen, ganz strikt und resolut... Nur wir stehen wieder etwas hilflos in der Menge. Schon ein Graus, wenn man die Sprach nicht versteht. Es ist aber immer hilfreich, Andere zu beoachten und dann ihre Taten zu deuten. So interpretieren wir das "Boarding", es scheint System zu haben: erst Familien mit Kindern, dann Reisegruppen, dann alle anderen und wir drängeln uns irgendwie zum Schluss mit rein!

Gespannt stehen wir an der Reling, als die Fähre ablegt. Was für ein Gefühl! Die melancholische Auslaufmusik treibt uns fast die Tränen in die Augen. Wir stehen tatsächlich auf einer russischen Fähre und wir fahren wirklich raus auf`s  Weiße Meer!!!

"Kneiff mich mal einer!"

Das Weiße Meer heißt Weißes Meer weil es die meiste Zeit des Jahres von Eis und Schnee bedeckt ist. Eisfrei ist es nur von Mai bis September. Es ist fast komplett von Land umgeben, im Norden die Halbinsel Kola, im Westen Karelien und im Osten der Obalst Achangelsk  und ein breiter Zugang führt zum Arktischen Meer.

Als es uns oben an Deck doch zu kalt wird, gehen wir runter in die Kajütte und quetschen uns zu den anderen Passagieren. Der Raum ist überfüllt mit Rucksacktouristen, Anglern und Wanderern, dazwischen ein paar orthodoxe Mönche, eine Handvoll Nonnen und einige "neureiche" Großstädter. Die vorwiegende Kleidungsfarbe ist aber tarnfarben. Den Geruch, den wir vernehmen ist nicht gerade wohl tuend für unsere empfindlichen Nasen so am frühen Morgen, ein Gemisch aus Schweiß, Wodka, Fisch und süßem, schweren Parfum.  Andere Sprachen außer Russisch vernehmen wir nicht. Wir ergattern 2 Sitzplätze und dösen trotz des Miefes unter Deck vor uns hin bis zur Ankunft auf Solovki, so die Abkürzung für die Slowetzki Inseln.

Gut 2 Stunden dauert die Überfahrt.

Wir beziehen erst einmal unser Hotelzimmer und verschaffen uns einen ersten Eindruck.

Alles, egal was, wirkt auf uns zunächst sehr nostalgisch, aber irgendwie sympatisch. Einmal mehr fühlen wir uns in komplett andere Welt versetzt. Keine einzige Straße, außer die zum Hafen, die mit alten Ostplatten belegt ist, ist gepflastert. Kühe laufen herum.  Alte Ladas und uralte Ural-Motorräder, an denen unser TÜV seine wahre Freude hätte, diese still zu legen, gemischt mit neuen SUVs und Quads befahren diese. Mönche, Orthodoxe Christen, Wanderer - bepackt mit Rucksäcken, Angeln etc. und "normale" Touris, also all die Menschen, die sich mit uns die Fähre teilten, mischen sich auf den staubigen Straßen.  Ein paar Souvenirläden gibt es auch.

Schaut man genauer hin, sieht man dem Verfall Preis gegebene alte Häuser, Sperrmüll und Schrott, einfach in der Landschaft liegen gelassen. Das scheint hier niemanden zu stören und zwischen dem alten Verfallenen schauen ein paar neue Häuser hervor.

Laut Reiseführer gibt es sogar noch Überreste der alten Gulaggebäude, die wir Mitten auf der Insel meinen zu erkennen. Alte, verrottete mit Gras und Unkraut überwucherte Dächer, bei deren Anblick es uns schaudert. Hier also waren die Gefängnisanlagen, in denen Menschen unter menscheunwürdigen Bedingungen vor sich hin vegitierten und in Arbeitslagern mussten sie bis zur vollständigen Erschöpfung schufften. Nicht wenige fanden hier den Tod, vor Allem im Winter bei Dunkelheit und eisigen Temperaturen. Auch die komplette Klosteranlage war schon in den Zwanziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts Teil dieses Gulags.

Wir mieten uns am Hotel 2 "Fahrräder", sie sehen zumindest wie Fahrräder aus, ein Gestell mit 2 Rädern und Lenker. So gut wie gar nichts funktioniert daran, auch die Bremsen nicht. Aber die Pedalen drehen und so können wir etwas in der Landschaft "rum gurken". Wir radeln Richtung Norden bis wir auf`s  Meer treffen. Rau und wunderschön ist hier die unberührte Natur, kein Wunder, dass es hier so viele Rucksacktouristen gibt! Wir genießen die Sonnenstrahlen am späten Nachmittag und freuen uns auf unsere schon lange im Voraus gebuchte,  morgige "Whale-Watching-Tour".  Was für ein Glück wir doch mit dem Wetter haben!

Es soll zum Beluga Kap gehen, wo in den Sommermonaten die weißen Beluga Wale ihre Babies zur Welt bringen. Die Touren mit Schlauchbooten sind schnell ausgebucht. Gut, dass man hier doch auf Naturschutz setzt, denn die Zahl der Touren ist sehr begrenzt...

Als wir freudig am nächsten Morgen die Augen öffnen, gehen unsere Mundwinkel doch gleich wieder runter. Der Himmel ist dunkelgrau zugezogen und es hat in der Nacht geregnet. Die Temperaturen sind auch wieder im Keller, unter 10 Grad! Tja, hier im Norden wechselt das Wetter leider sehr schnell. Aber unsere Walbeobachtungstour ist nicht abgesagt. Wir ziehen zwiebelmäßig alles an, was wir dabei haben und machen uns auf zum Pier. Auf uns wartet ein Schlauchboot, Schwimmwesten mit Regencape, eine noch mit uns fahrende andere vierköpfige Familie und der "KAPITAN", der so rau aussieht wie die See. Nach ein paar harten Anweisungen, die wir Dank Deutsch sprechender eines mitfahrendes Familienmitglieds (wir sind bass erstaunt) übersetzt bekommen. Und raus geht es aufs Meer! Es dauert ziemlich lange bis wir das Beluga Kap erreichen und zur Kälte kommt noch Regen dazu. Das fühlt sich noch blöder an als an Land!

Wir ankern zum Schutz der Wale und hoffen, dass wir ein paar zu Gesicht bekommen! Wir warten und warten und warten und frieren und frieren und frieren! Dann taucht doch in der Ferne ein weißer Kopf auf und noch einer! Wow! Da sind sie! Aber so schnell wie sie auftauchen, tauchen sie auch wieder unter. So schnell kann ich gar nicht meinen Fotoapparat zücken! Egal, wir haben sie gesehen, wenn auch nur kurz! Während der "KAPITAN" noch Einiges über Wale und Natur erzählt - leider kommt unsere Übersetzerin nicht so schnell mit dem Übersetzen mit, verständlich, denn sie will das Erzählte ja auch selbst mit bekommen - warten wir geduldig weiter, aber das soll es gewesen sein. Mehr Wale tauchen leider nicht auf. Es ist schon August, die Wale haben bereits ihre Babies, wollen sie schützen und sind nicht mehr so neugierig.

Wir machen uns wieder auf den Rückweg. Ein starker, eisiger Wind rüttelt an unserem Schlauchboot und es scheint, als wolle es über die Wellen springen. Nein, es scheint nicht nur so, es springt tatsächlich! Bei jeder Welle tut es einen heftigen Schlag in den Rücken! Wir müssen uns richtig fest halten! Durchgefroren und mit starken Rückenschmerzen steigen wir aus und ich bemerke zu meinem Entsetzen, dass meine Jeans an der Seite Komplett nass ist. Die Plane, die über unseren Schößen lag, hat wohl doch nicht dicht gehalten, ich saß am Ende, alle anderen aber sind trocken geblieben!  Oh man, irgendwie ziehe ich wohl das Wasser an!

Leider ist die Jeans die einzige Hose, die ich dabei habe. Zum Gück gibt es einen kleinen Tante Emma laden. Dort erstehe ich eine Jogginghose in meiner Größe. Im nach gemachten Adidas-Style fühle ich mich toppmodisch gekleidet und bestreite darin zumindest trocken den Rest des Tages!

Ein halber Tag bleibt uns noch und wir wollen noch eine kleine Touritour per Bus zu einigen Attraktionen der Insel machen und buchen eine Tour einer der wenigen Anbieter. Auf eine Führung in einer anderen Sprache außer russisch dürfen wir natürlich nicht hoffen. Aber das ist momentan egal, daran sind wir ja schon gewohnt. Vielleicht treffen wir auf Mitreisende, die uns ein wenig mit Englisch oder gar deutsch weiter helfen können, wenigstens um ein kleines bischen zu verstehen, so wie auf der Waltour. Man ist hier einfach nicht auf Individualtouristen aus dem Ausland eingerichtet. Dann wieder eine Enttäuschung, die Tour findet nicht statt, da die angekündigte Gruppe, die wir uns anschließen sollten, kurzfristig abgesagt hat. Wir wollen einen anderen Anbieter aufsuchen, finden aber keinen. So werden wir wieder unsere eigenen Reiseführer und schauen uns noch die Klosteranlage an, die gestern bei Sonnenschein natürlich viel besser aussah. Wir besuchen auch das kleine Gulag-Museum und die vielen Fotos und Bilder bestätigen das, was wir vorher an den Ruinen erahnt haben.

Es hat nicht nur auf See geregnet sondern auch hier an Land pladdert es und die Straßen sind nun nicht mehr staubig sondern matschig.  Schon nach kurzer Zeit verlieren wir die Lust am Sightseeing im Schlamm Aufgrund und besuchen ein Cafe, um uns aufzuwärmen und drücken uns bis zur Abfahrt der Fähre dort rum. Wir lernen Gabi und Peter aus Österreich kennen, die genauso wie wir ihre Zeit im Cafe tot schlagen. Sie sind mit einem Wohnmobil unterwegs und wir führen interessante Gespräche. Als wir das Cafe verlassen, hat es zum Glück aufgehört zu regnen, so dass wir trockenen Fußes die Fähre betreten können.

Als wir die Insel verlassen, blicken wir bei der Abfahrt etwas traurig und sehr nachdenklich auf die Klosteranlage. Das war es also: Solowetzki-Inseln! Aber trotzdem ein absolutes Highlight an einem unwirklichen aus der Zeit gefallenen Ort auch ohne Wale und Sonnenschein.

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Kommentare: 2
  • #1

    Bella Bionda (Freitag, 16 August 2019 21:22)



    Die Jogginghose will ich sehen...
    Stronzies �

  • #2

    Christian Hammann (Sonntag, 18 August 2019 17:41)

    Da bin ich aber froh das die Fahrt mit den Rädern auch ohne Bremse gut gegangen ist. Tolle Bilder die Ihr macht...Chrischaaan



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