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Murmansk



Murmansk... keine Schönheit, aber mehr als faszinierend!


Nachdem wir alle Blessuren beseitigt haben, kommen wir erst am späten Vormittag los.

Murmansk ist zum Glück nicht so weit und als wir uns in Bewegung setzen, blinzelt sogar die Sonne durch die Wolken hervor und wir empfinden so etwas Ähnliches wie Wärme. Wir durchfahren auf dem sogenannten Kola Highway eine wunderschöne Seenlandschaft, die rechts und links neben uns liegt. Alles sieht so friedlich aus. Wir erfreuen uns an der gut ausgebauten Straße und an dem schönen Wetter... bis wir die Stadt Montschegorsk streifen.  Das, was wir erst als Wolken in der Ferne wahr nehmen, entpuppt sich als dicke Rauchschwadenglocke. Das kann man nicht nur sehen sondern auch riechen. Gesund riecht das auf jeden Fall nicht. Unser Bild von der schönen Landschaft wird durch hässlich große Industrieanlagen und rauchende Schlote getrübt. Einst "Hölle des Nordens" zu Sowjetzeiten bezeichnet, blasen noch immer die Nickelverarbeitenden Industrien eine Menge Schwefeldioxid in den Himmel, so lesen wir später in einem Artikel im Handelsblatt aus dem Jahr 2008, aber das ist heute bestimmt noch aktuell.

Wir fahren schnell weiter und wie soll es anders kommen? Es beginnt zu nieseln und wird immer kälter. Hier oben soweit im Norden kann das Wetter blitzchnell umschlagen. Zum Glück haben wir nur noch ca. 50 km, also weniger als eine Stunde und das lässt sich aushalten!

MURMANSK, unser großes Endziel! Das Gefühl ist unbeschreiblich, als wir diese Stadt erreichen! Wir können es kaum fassen, dass wir es überhaupt bis hierher geschafft haben.

Murmansk, die Hafenstadt nördlich des Polarkreises auf der Halbinsel Kola.Mit über 300000 Einwohnern ist sie die größte Stadt der Arktis. Die noch etwas nördlich gelegene Stadt Seweromorsk ist bis heute Sperrzone. Was hier so im Verborgenen liegt, können wir uns nur in unserer Fantasie ausmalen. Jeder hat sicher schon einmal von dem U-Boot Friedhof gehört...

Also ist für uns Murmansk das nördlichste Ziel, was wir überhaupt erreichen können.

Hier haben wir ein privates Apartment gemietet und das heißt es erst mal zu finden.  Das ist nicht so wie bei uns: Straße und Hausnummer, die meistens gut sichtbar sind suchen und gleich finden..... Hier ist alles so versteckt, Eingangstüren zu Wohnblocks nimmt man kaum wahr oder sie befinden sich in Hinterhöfen. Mit Glück entdeckt man Straßenschilder und Dank unserer enormen Kyrlischkenntnis sofort lesbar. Die großen Hauptstraßen und Boulvards in den großen Städten sind oft Kilometer lang, richtige, lesbare Hausnummern haben wir noch nirgends entdeckt. Gut, dass es Navis gibt, die einem irgendwann sagen: "Ziel erreicht" (übrigens seit wir über Handy mit Google maps navigieren, ist es genauer als mit den Navis vom letzten Jahr, die uns ständig ungenau woanders führten.)Das bedeutet aber nicht, dass man gleich das findet, was man sucht. Die front eines Wohnblocks bedeutet nicht gleich, dass dort auch der gesuchte  Eingang ist. Und so ehemalige Plattenbauwohnsilos aus der Sowjetzeit können seeeehr groß sein und wie gesagt, die Eingänge können sich in Hinterhöfen  befinden, die nur von Seitenstraßen zugänglich sind. Wir stehen also vor unserem Ziel, vor einem türkisfarbenen großen Haus ohne Hausnummer, aber mit mehreren Eingängen und wissen nicht so Recht, wohin,. Etwas hilflos schauen wir uns um und kontaktieren lieber telefonisch den Vermieter. Der wiederum hat schon auf uns geartet und  kommt prompt um die Ecke. Höflich mit ein paar Brocken Englisch begrüßt er uns und führt uns, wie kann es anders sein,über einen Hinterhof zu dem Eingang, wo sich unser Appartement befindet. Er öffnet eine dicke, verrostete Stahltür, gesichert wie ein Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses mit Zahlencode und diversen Schlössern und führt uns durch einen Hausflur...unbeschreiblich... so würde niemand bei uns, nicht einmal im Entferntesten wohnen! Kabel und Verteilerkästen liegen lose, der Putz bröckelt, die Stufen kaputt, man muss schauen, wo man hin tritt, das Licht funktioniert auch nicht und es müffelt wie verrückt! Die Wohnung im Inneren ist groß und scheint sauber zu sein. Wir bezahlen und erhalten den Schlüssel, samt Zahlencode für den Eingang. Ob wir das jemals selbstständig finden werden? Der Vermieter allerdings rauscht so schnell ab wie er gekommen ist und überlässt uns unserem Schicksal. Wir sind alleine, mal kein Hotelzimmer und wir können uns ausbreiten in dieser 2- Zimmerwohnung. Wir freuen uns zunächst. Wir befinden uns in einer Wohnung in einer Plattenbauwohnsiedlung im ?-Stock in Murmansk. In Murmansk hinter dem Polarkreis in Russland! Wir inspizieren zunächst einmal unser Terrain. Eine Küche haben wir auch, aber kaum Geschirr, 3 Teller, 4 Tassen, 2 Gläser, ein wenig Besteck, ein Topf und eine Pfanne. Naja, das ist ja schon einmal etwas! Wir wollen hier ja keine Menüs kochen und geben uns zufrieden. Diese Wohnung ist halt nicht so ausgerüstet wie eine Ferienwohnung bei uns. Die Betten sind frisch bezogen und 2 Duschhandtücher gibt es auch. Jippi, auch eine Waschmaschine haben wir! Das Bad allerdings, das müffelt wie Pest! Irgendwie nach Kloake, vielleicht ist irgendwo ein Rohr undicht? Was soll´s, wir machen mal wieder das Beste draus. Nach kurzer Zeit bemerken wir, dass es hier drinnen lausig kalt ist. Die Heizung funktioniert nicht. Hinterm Kleiderschrank finden wir einen kleinen Radiator, den wir fortan wie einen Fiffi hinter uns her ziehen und mit in jedes Zimmer nehmen, wo wir uns aufhalten. So richtig mit Wärme erfüllt er die Zimmer nicht, geschweige denn erfüllt er diese Ferienwohnung mit heimeliger Wärme! Brrr, drinnen ist fast so kalt wie draußen!

Aber das Apartment liegt zentral und wir machen einen kleinen, ersten Spaziergang. Die Stadt wirkt trist und der verhangene, dunkelgraue Himmel tut Seins dazu. Auch die wenigen, türkis angestrichenen Häuserblöcke helfen nicht über dieses traurige Stadtbild hinweg.

Gegenüber von unserem Haus steht ein Lenin, der auch etwas hilflos mit erhobener Hand und einigem Vogeldreck auf dem Kopf stumm da steht! Er scheint uns zuzublinzeln und mit den Achseln zu zucken!

In der Ferne erkennt man die vielen Plattenbauten und die Kräne des Hafens. Die meisten Häuser sind verrottet und sehen wohl auch Innen so aus, wie das Unsere. Viele Nebenstraßen sind marode.

Wie leben die Menschen bloß hier? Die, denen wir auf der Straße begegnen, wirken wie du und ich. Wir haben ja Polartag! Aber wie ist es in der Polarnacht, wo es auch am Tag nicht hell wird und die Temperaturen weit unter den Nullpunkt sinken ?...Zu gerne würde ich einige dieser Menschen sprechen...

Murmansk  wurde erst 1916 gegründet, hat etwas mehr als 300000 Einwohner und der bedeutende Hafen bleibt durch Ausläufer des Golfstroms auch im Winter eisfrei. Er war zu Sowjetzeiten Stützpunkt der Nordflotte und ist es heute noch! Bis 1991 war Murmansk eine geschlossene Stadt und kein Fremder durfte sie betreten. 

Wir besuchen das Museumsschiff "Lenin", den ersten Atomeisbrecher der Welt, 1957 erbaut und 1989 außer Dienst gestellt. Die Führung ist natürlich nur auf russisch. Der sympatische Führer mag einiges Interessantes erzählen. Wir wieder verstehen wieder kein Wort. Auch hier ist man nicht auf ausländische Touristen eingestellt. Wir aber saugen unsere ganz persönlichen Eindrücke in uns auf. Wir befinden uns schließlich auf einen Atomeisbrecher, da braucht es nicht viele Worte. Interessant ist es auf jeden Fall und wir lesen später viel nach.

Später nehmen wir uns ein Taxi ( für umgerechnet 5,-  hin und zurück!), dass uns zum bekannten Aljoscha Monument bringt. 35 m hoch, wirkt er gigantisch, der Wächter der sowjetischen Arktis. Man hat nicht nur einen phänomenalen  Blick auf das Monument sondern auch auf die Stadt, die Aljoscha zu Füßen liegt.

Der Taxifahrer bringt uns auch zu einer, einem Leuchtturm nach empfundenen Gedenkstätte, zu Ehren verstorbener Seeleute, unter anderem auch denen der Opfer des 2000 gesunkenen Atom-U-Bootes Kursk. Nachdenklich stehen wir vor der Gedenkstätte, ein Grund, später über das Unglück der Kursk nachzulesen, was uns noch vage in Erinnerung ist! 

Um unseren Sightseeing Tag zu vervollkommnen, wollen wir noch ein Museum besuchen, um Einiges mehr zu erfahren und zwar das Museum zur lokalen Geschichte und Kultur ... Klingt interessant, aber diesen Besuch hätten wir uns sparen können.  Ein winziger Raum zeigt ein paar Exponate und Trachten von den Ureinwohnern, den Samen, das war` s . Nicht gerade aufschlussreich und exorbitant teuer der Eintrittspreis.

Unseren Abend in Murmansk wollen wir mit einem guten Essen abrunden, aber bitte keine Boulette ;-) ! Die Auswahl an Restaurants ist nicht gerade groß und wir kehren in eine von außen eher nüchtern wirkenden Gastronomie, namens Mex Gastro Bar ein. Ein wahrer Glücksgriff, wird sich später herausstellen. Innen ist alles stylish und modern eingerichtet, aber nicht ungemülich. Wir nehmen an der Theke Platz und bestellen ganz profan ein Bier. Von hier aus können wir das Geschehen beobachten und sehen, was die Kellner so an Tellern raus tragen und ob diese Lokaliät es überhaupt würdig ist, dass wir hier speisen ;-)!  Das sieht aber alles sehr ordentlich aus! Eine gut sortierte Bar verrät, dass es hier hinter dem Polarkreis alles gibt, was das Herz von Cocktailtrinkern höher schlagen ließe. Wir bekommen ein echtes Murmansker serviert! Ich  bin da zunächst etwas skeptisch, da mir meistens das Lokale zu sehr nach eingeschlafenen Füße riecht und genauso schmeckt. Aber was soll ich sagen? Dieses hier mundet mir wirklich richtig ein. Ein richtig gut englisch sprechender, sympatischer, junger Barkeeper berät uns in Sachen Essen. Wir sind voll erstaunt! Auf seine Empfehlung bestellen wir Rentiersteaks mit Pfifferlingen. Während wir so auf unser Rentier warten und unser Murmansker schlürfen, kommen wir ein wenig mit ihm ins Gespräch. Sein Vater ist zur See gefahren, von ihm hat er das gute Englisch gelernt, selbst war er noch nie im Ausland. Würde aber gerne einmal nach London, Berlin oder Paris. Auf die Frage, wie es sich so in Murmansk lebt, zuckt er mit den Achseln und antwortet, dass er ja keinen Vergleich habe, weil er noch nirgends woanders gewohnt habe. Ein leichtes Fernweh habe er allerdings schon, wenn er sich daran erinnert, was sein sein Vater ihm als so alles von seinen Reisen erzählt hat sein Vater ihm so von seinen Reisen erzählt hat. Warum er noch nie fort war, trauen wir uns nicht zu fragen. Sein Vater hat ihm aber die besondere Wichtigkeit von Fremdsprachen vermittelt. Das, auf jeden Fall, hört man an seinem Englisch und wir schämen uns fast ein wenig. Denn sein Englisch ist besser als das Unsere. Und wir sieht es bei unseren Russischkentnissen aus? Wir schämen uns etwas mehr! Dann kommt das Rentiersteak! Optisch wie in einem First Class Restaurant hergerichtet, schmeckt es hervorragend! Dazu noch ein frisch gezapftes Murmansker! Danke, Mex Gastro Bar, es war ein echtes kulinarisches Highlight!

 

Dann findet es doch statt, unser Treffen mit Stefan, ein junger Extremradfahrer mit verrückten Ideen, genauso alt wie unser großer Sohn!  Stefan hatten wir letztes Jahr auf der Fähre von Batumi nach Burgas kennen gelernt, da war er im Kaukasus unterwegs.  Wir blieben in Kontrakt. Dieses Jahr will er von Hammerfest in Norwegen Richtung Minsk und der pure Zufall will es, dass er genau zum gleichen Zeitpunkt in Murmansk eintreffen will wie wir. Unser Plan schon in Deutschland: Wir treffen uns! Leider hat er Probleme an der Russischen Grenze und ist 2 Tage in Verzögerung. Aber es soll doch noch klappen. Wir treffen uns tatsächlich nach unserem guten Mahl vor unserem Appartment. Er ist mächtig geschafft und hat stark in die Pedale getreten, um uns noch zu sehen. Wir hingegen wollen früh zu Bett, denn Morgen geht es für uns weiter. Daher sitzen wir nur ein Stündchen zusammen und tauschen unsere Abenteuererfahrungen aus.  Schön war es trotzdem, das ungewöhnliche Wiedersehen jenseits des Polarkreises. Alles Gute Stefan, pass auf dich auf, bei deiner dir noch bevorstehenden, anstrengenden Fahrradtour!

 

Ab Morgen geht alles nur noch südwärts.

Das war es... Murmansk! Ein ganz großes Highlight! Wir sind dankbar, dass wir diese Stadt besuchen konnten!

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Kommentare: 1
  • #1

    Heidrun (Montag, 12 August 2019 12:00)

    Grimbergen, war übrigens immer das 1. was meine Mutter in Belgien/Holland zu sich nahm...hatten wir in den Strandbuden der Nordsee viel Spaß mit...

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