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Kalmückien/Elista


Im Buddhistischen Teil Europas hätte unsere Reise fast ein Ende genommen!


Mein Fuß ist zum Glück abgeschwollen und die Schuhe passen. Aber die Stiche jucken noch höllisch und es ist gut, dass ich nicht dran komme, denn ich hätte mich wahrscheinlich blutig gekratzt. Es dauert ziemlich lange bis dieser entsetzliche Juckreiz endlich nach lässt!

 

Wir fahren wieder Richtung Westen und bis wir das Wolgagebiet vollends verlassen, durchqueren wir noch ein paar sumpfähnliche Gebiete, die am Rand des Deltas liegen. Die Landschaft wird immer karger und liegt wie eine Einöde vor uns. Wir befinden uns in einer Gegend im Süden des Russischen Reiches, die bizarrer kaum sein könnte und für uns so unbekannt ist! Heiß ist es, mega heiß, auch viel zu heiß um Schatten spendende Bäume wachsen zu lassen. Unsere Köpfe glühen mal wieder unter dem Helm!

Russland, das heißt eigentlich Moskau, St. Petersburg, Sibirien, wo es doch immer so bitter kalt ist. Vor meinem inneren Auge taucht Väterchen Frost auf, auch Männer mit dicken Fellmützen und Frauen, in dicke Pelze gehüllt und die Hände wärmend in einem Muff gesteckt (das ist  so ein rundes Ding aus dickem Fell oder Pelz, wo man beide Hände gleichzeitig reinstecken kann). Ich hole meine Gedanken zurück. Ausgetrocknete Salzseen rechts und links. Die Straße ist zwar in einem super Zustand, aber dafür wir kämpfen wir erneut mit starkem Seitenwind, der uns heiß ins Gesicht weht! LKWs (davon gibt es nicht wenig auf der Strecke) zu überholen ist echt mühsam. Noch dazu treffen wir auf einige Baustellen mit Ampelführung, an denen wir meistens die Rotphase erwischen. Also kein Entkommen vor dieser Hitze!

Dann taucht es auf mitten in einer Baustelle! Das Schild Kalmückien! Für ein Foto halten können wir leider in der Grünphase nicht, schade!

Das hier ist immer noch Europa!

Kalmückien mit der Haupstadt Elista ist seit 1992 autonome Republik der Russischen Förderation. Die Kalmücken sind ein mongolisches Volk und einzigartig für Europa ist, dass hier der Buddhismus die vorherrschende Religion ist.

Was wir nicht wussten ist, dass die Deutsche Wehrmacht auch dieses Gebiet im 2. Weltkrieg teilweise besetzt hatte und die Kalmücken mit den Deutschen cooperierten, sogar mit einem Kavellerie-Corps auf Deutscher Seite kämpften. Die Rote Armee eroberte das Gebiet 1942 zurück, die Republik wurde aufgelöst und Stalin deportierte das gesamte kalmückische Volk nach Sibirien. 1953, nach Stalins Tod, durften sie wieder in ihre Heimat zurückkehren.

 

Wir reisen also auf kalmückischem Gebiet weiter durch die Steppe. Der Wind bleibt so heiß und wir sind froh, auf der endlos zu scheinenden, schnurgeraden Straße, einen Tankstopp und eine kurze Pause einlegen zu können. An der Tanksäule neben uns steht ein Kleinlaster, dessen Fahrer kurzerhand auf uns zu kommt und bedeutet, dass er sich mal auf Bert`s Maschine setzen will und drückt mir sein Handy um ihn zu fotografieren. In Gummischlappen positioniert er sich auf dem Motorrad und ich drücke auf den Auslöser. Ein einziges Foto reicht ihm nicht. Wie ein graziles Modell poussiert er auf Berts Maschine, ich mache mindestens ein Dutzend bis er endlich wieder runter krabbeln will! Spasiba und Do swidanja! Er freut sich und fährt weiter. So schnell wie er auftauchte, ist er auch schon wieder verschwunden.

Ich sehe ein gemauertes Toilettenhäuschen, zum passenden Zeitpunkt genau das Richtige für meine Blase!  Noch in Gedanken bei der Fotosession, öffne ich die Tür. Man vermutet ja nichts weiter außer ein, zwei Kabinen und ein Waschbecken hinter so einer Tür, oder? Ich zucke zusammen und erschrecke, als ich zwei älteren Damen gegenüber stehe, die keine Besucherinnen dieses Toilettenhäuschens zu sein scheinen. Ich kombiniere schnell und scharf: Es handelt sich hier vermutlich um Toilettenfrauen, so wie sie es auch bei uns an Raststätten gibt. Aber gleich Zwei? Hm, egal, ich muss mal! Dem Aussehen nach sind das eindeutig Kalmückierinnen. Etwas breite Köpfe, aus denen mich länglich geformte Augen etwas böse anschauen. Offensichtlich habe ich sie gestört. Im Hintergrund läuft in einem Fernseher mit einem Riesenflachbildschirm  eine russische Soap. Sie haben etwas bademantelartiges an, Eine in rot, Eine in blau. Sie schreien mich an, ja SCHREIEN! Ein Schwall russischer Wörter, vermutlich das ganze Repertoire russischer Schimpfwörter, die ich zum Glück nicht verstehe, ergiesst sich über mir. Den dazu gehörenden Gesten entnehme ich, dass ich verschwinden soll. Aber ich bin nicht falsch, hier sind wirklich Toiletten! Ich bedeute, dass ich wirklich mal muss und mache ein "Bitte, Bitte"-Zeichen! Danach greift mich die Blaue am Arm und schiebt mich etwas wirsch in eine Kabine. Schnell schließe ich die Tür und atme erstmal durch, bin aber froh, denn es ist wirklich dringend! Ich habe das Designstück Marke "Stehklo" erwischt: mit Wasserspülung, Toilettenpapier und blitzeblank! Mutig traue ich mich auch wieder raus, die Damen sitzen entspannt vorm Bildschirm und würdigen mich keines Blickes mehr. Ein Tellerchen gibt es nicht, also gibt es auch keine Rubli. Im wahrsten Sinne des Wortes verlasse ich erleichtert das Häuschen. Mein Mann hat mich schon vermisst!

Wir setzen unsere windige Steppenreise fort.

In Elista geht die Hotelsucherei wieder los, unsere Navis zeigen beide schon wieder unterschiedliche Ziele an. Mittlerweile machen wir immer ein Spielchen daraus und schließen kleine Wetten ab, welches Navi wohl Recht hat. Dieses Mal haben wir ganze 8 km Unterschied! Heute fahren wir nach Berts Navi. Und? Es stimmt! Wir stehen zwar wieder auf der rückwärtigen Seite des Hotels, von hier aus als Solches nicht erkennbar. Es vergehen wieder einige Minuten bis wir den Fehler erkennen! Meins war mal wieder völlig daneben und wer weiß, wo wir gelandet wären.

Wir betreten ein kleines Hotel mit dem vielversprechenden Namen Bike Post Motel und dem üblichen Eincheckprezedere. Innen ist es nicht so toll, aber es ist sauber und unser Zimmer groß genug um unser Hab und Gut unter zu bringen. Hier wollen wir 2 Tage bleiben. Vom großen Gemeinschaftbalkon hat man dafür einen fantastischen Blick auf den größten Buddhistischen Tempels Europas. Der Platz hiefür wurde eigens vom Oberhaupt der Buddhisten dem Dalai Lama bei einem Besuch im Jahre 2004 ausgewählt und gleich im Jahr 2005 fertig gestellt. Ein Besuch steht Morgen auf dem Programm.

 

Leider bereitet uns Berts Maschine immer noch technische Probleme und wer mit gelesen hat, bereits schon seit Wolgograd. Es sind wohl doch nicht die Bremsbeläge, sondern sehr eindeutig die Kette! Das Schrappen beim Anfahren ist immer stärker geworden, kein gutes Zeichen! So können wir auf keinen Fall weiter fahren! Auch das ständige Nachziehen und einölen wird auf Dauer nicht helfen! Und wir wollen doch noch über den Kaukasus! Wir haben unsere Maschinen doch vor der Reise in einer Werkstatt checken lassen, wo man uns versicherte, dass die Kette die vielen Kilometer noch locker überstehen wird! Ärgern hilft jetzt auch nicht, wir brauchen irgendwie Hilfe. Im Hotel treffen wir zufällig auf einen jungen Moskauer, der fließend Englisch spricht. Er kommt wie ein Engel daher und heißt Arthemiy, arbeitet für Bosch Moskau und ist mit anderen Ingenieuren beruflich in Elista. Er checkt und telefoniert und macht eine kleine Motorradwerkstatt in der Stadt auf. Morgen hätte er Zeit, er könnte uns hinbringen und dolmetschen. Wow!!! Aber Morgen ist doch Sonntag, ist da nicht alles zu? Er lacht, nein, in Russland wird auch sonntags gearbeitet. Wir verabschieden uns erst einmal und machen uns etwas sorgenfreier auf den Weg in die Stadt. Ein kleiner Spaziergang, auch wenn es abends noch ziemlich heiß ist, tut gut. Ohne groß zu suchen, denn wir haben Hunger, landen in einem Lokal namens Cippollino. Wie der Name schon verrät ist es nicht gerade typisch kalmückisch, aber dafür isehr modern und geschmackvoll eingerichtet, Klimaanlage inklusive. Es könnte auch in einem hippen Viertel Berlins oder an jedem Ort dieser Welt stehen. Das Restaurant ist gut besucht. Wir schauen uns unsicher um, bemerken aber auch, dass man uns beäugt. Vermutlich befinden wir uns im bekanntesten Jugendtreff Elistas. Kein Gast scheint älter als 30 zu sein, wir toppen den Altersdurchschnitt erheblich. Wie überall auf der Welt essen die jungen Leute Pizza und trinken Cola. Wir bestellen Steak und Bier!

 

Punkt 10.00 Uhr steht Arthemy wie verabredet auf der Matte und begleitet uns zur Werkstatt. Diese Werkstatt ist ein Erlebnis, ein Blick in Innere deutet auf ein heilloses Chaos. Teile diverser Motorräder, Autos , Werkzeuge aller Art und Kleinteile wie Schrauben bedecken Boden und jeden Winkel des riesigen nach Öl, Benzin und Schweiß der Mechaniker riechenden Raums. Es hat sich wohl herum gesprochen, dass 2 deutsche Motorradfahrer technische Hilfe benötigen und einige Nachbarn eilen herbei. Wir fühlen uns wie Exoten, sind es wahrscheinlich auch für die uns mittlerweile umringende Traube Menschen. Der Betrieb scheint  einige Angestellte zu beschäftigen und die Mechaniker fachsimpeln miteinander. Wie geahnt muss eine neue Kette her. Arthemiy übersetzt fleißig. Es wird diskutiert, man telefoniert dort hin und her und nach einiger Wartezeit kommt ein SUV angerauscht, dessen mit Goldkettchen behängter und mit Muscleshirt bekleidete Mann, der eindeutig kein Kalmück ist, übergibt dem  Chef eine passende Motorradkette. Zwei Mann legen Hand an berts Maschine und beginnen zu schrauben. Alte Kette ab, Neue drauf! Passt! Alles in weniger einer Stunde. Bert macht eine kleine Probefahrt, alles scheint wieder in Ordnung zu sein! Wir bezahlen die Mechaniker, Preis für die Kette wie bei uns, der Stundenlohn wahrscheinlich für hiesige Verhältnisse etwas überhöht. Aber das ist uns völlig egal, soll man doch heute auf einen Sonntag ein wenig an uns verdienen!  Wir bedanken uns natürlich und ganz überschwänglich bei Arthemyi, der seinen freien Tag für uns geopfert hat. Er ist fast beleidigt, als wir unser Portemonaie zücken und auch ihm etwas geben wollen. Geld will er natürlich nicht, die Hilfe war selbstverständlich. Wir umarmen uns, noch ein Selfie zur Erinnerung und verabschieden uns ganz unkonventionell. Wir sind überglücklich, unsere Reise noch ohne Verzögerung fortsetzen zu können! Wir sind ja lernfähig. Nie wieder eine so große Reise ohne Ersatzkettensatz!

Nachmittags können wir sogar noch unseres kleines Sightseeingprogramm beginnen. Nur ein paar Schritte von unserem Bike Post Motel entfernt und wir flanieren im Park des großen Tempels. Die Sonne strahlt, heute ist es gar nicht so heiß. Wir beziehen eine Parkpank und verweilen ein wenig dort, um die wenigen Menschen zu beobachten. Hier ein Hochzeitspaar, was sich für ein Fotoshooting in Pose bringt, dort eine Familie, die im Uhrzeigersinn die Gebetsmühlen drehend den Tempel umrundet.  Wir können sogar ins Innere des großen Tempels und die große Buddhastatue besichtigen. Auch dort ist alles ziemlich beeindruckend.

Weiter geht es in den Park "Drujba" - Freundschaft - mit dem großen Tor "Golden Gate". Der Lenin, der seine Hand in den Himmel reckt, eine Pose, die bei den meisten Leninstatuen zu sehen ist, wirkt so verloren und hier noch unpassender als anderswo. Die üblichen Plattenbauten dürfen natürlich auch nicht fehlen, die es in jeder Stadt der ehemaligen Sowjetrepubliken gibt. Hier sind sie allerdings sie nicht so verfallen. Die Stadt macht einen sauberen Eindruck. Alles wirkt auf uns so skuril. Die russisch sprechenden, mongolisch aussehenden Menschen, Plattenbau und Buddhistische Tempel. Wir haben das Gefühl, wieder komplett in einer anderen Welt zu sein! Ja, das sind wir wohl auch!

Der Hunger treibt uns in ein nettes Restaurant, wo man draußen sitzen kann. Diesmal haben wir etwas gesucht. Schließlich wollen wir heute landestypisch essen und wir haben Glück, die nette, junge kalmückische Bedienung spricht sogar sehr gut Englisch und wir fragen, ob sie uns etwas typisch Kalmückisches empfehlen kann. "Ja, natürlich... Pferdegulasch oder Kamel!" Wir schlucken...OK!... Unsere Blicke gehen hin und her, wir schauen uns alle Drei abwechselnd an, die nette Kellnerin wartet geduldig bis wir uns entschieden haben. Bei Pferd haben wir eine innere Barriere, das können wir beim besten Willen, obwohl bei uns auch bekannt, bestellen! Aber wollen wir mal mutig sein! Dann nehmen wie eben Kamel! Einmal mit Zwiebeln und Kartoffeln, einmal in Tomatensoße mit Reis! Es schmeckt hervorragend und erinnert ein wenig an Schweinefilet.

 

Auf der Hotelterrasse, die für alle Gäste offen ist, wollen wir noch unsere letztes Dosenbier nehmen und treffen auf Igor und Sascha, 2 Biker aus Magnitogorsk im Ural. Igor fährt Pan European und Sascha eine Harley. Sie sind auf dem Weg nach Tiflis/Georgien. Sie laden uns ein, sich zu ihnen zu setzen. Sie haben selbst gebrannten Wodka dabei und schenken uns freudig nickend,gleich Klischees bedienend, jedem von uns ein Wasserglas voll davon ein. Wir nippen höflich und halten uns an unserer Dose Bier fest... Während Sascha, der Jüngere von Beiden, etwas wortkarg ist, taut Igor, ungefähr in unserem Alter, mit jedem Schluck Wodka mehr auf. Igor spricht ein paar Brocken Deutsch und wir unterhalten uns in einem Kaudawelsch aus Igors sehr begrenztem Deutsch, dem wenigen Englisch, das sie können und unseren komplett fehlenden Russischkenntnissen. Da helfen auch die wenigen Wörter auf Russisch, die mein lieber Mann noch aus seinem hinterletzen Winkel seines Gehirns hervorkramt nicht. Gut, dass es aber wenigstens den Googleübersetzer gibt und unsere Handys wandern hin und her über den Tisch. So erfahren wir, dass Igor in Neu Strelitz bei der Roten Armee gedient hat und seine Frau Olga heißt, die wohl fließend Deutsch beherrscht und ihm nicht glauben würde, dass er in Elista in Kalmückien auf ein deutsches Motorradfahrerehepaar gestoßen ist. Das würde er ihr aber gerne beweisen und so zückt er sein Handy und dreht einen kleinen Clip. Wir winken fröhlich in seine Kamera und grüßen Olga und schicken auf Deutsch viele Grüße in den Ural. Am Ende haben wir 2 Aufkleber des Motoradclubs Magnitogorsk, dem die Beiden angehören, in der Hand. Einer davon ziert seither einen meiner Koffer.

Am nächsten Morgen sind die beiden trinkfesten Biker schon längst unterwegs als wir aufstehen. Noch ein Blick auf den großen Tempel und wir setzen am späten Vormittag unsere Reise Richtung Kaukasus und Georgien fort.

Kaum haben wir Elista verlassen wird die Gegend wieder ziemlich eintönig. Mittlerweile haben wir uns an die große Hitze gewöhnt. An kleinen Pagoden merken wir, dass wir uns immernoch in Kalmückien befinden. Einzelne Gehöfte hier und da flimmern in der Sonne und friedlich, angebunden an einem Pfahl döst ein Kamel. Oh Gott, gestern haben wir so etwas gegessen! Wir halten für ein Foto. Direkt neben uns hält ebenfalls ein alter Opel! Wir fassen es nicht, mit deutschem Kennzeichen! Wir treffen Markus, den Weltenbummler in Begleitung seines Hundes namens Vesuvio. Dieser alte Kombi dient ihm auch als Schlafplatz. Wir reden ein Weilchen am Straßenrand. Er will  weiter nach Indien....Alles Gute Markus!

Und wir setzen unsere Reise mit starkem Seitenwind fort. Noch 2 Übernachtungen und das war es mit Russland.


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