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Ukraine/ Iwano-Frankiwsk, Karpaten, Cernowitz


Ukrainische Karpaten und ein fantastisches Wiedersehen!


 

I F O, so der Dreilettercode - Iwano-Frankiwsk International Airport, zu Sowjetzeiten in den Fünfzigern erbaut, 2 Rollbahnen, davon eine nur für militärische Zwecke. Das Abfertigungsgebäude sieht so aus, als wenn danach nichts mehr dran gemacht wurde, grauer, schlichter Plattenbau, aus unserer Sicht sanierungsbedürftig, wie so Vieles in der Ukraine. Die Zufahrtwege sind in gewohntem Schlaglochzustand und wir holpern mit unserem Mietauto, einem Skoda, Richtung Flughafen. Sorgenfalten machen sich auf meiner Stirn breit. Die Landebahn wird wohl nicht im gleichen Zustand wie die Iwano-Frankiwsker Straßen sein? Auf diesem, seit 1992 internationalen Flughafen gibt es leider keine Aussichtsplattform und beobachten wir den Landevorgang von der Abfertigungshalle aus. Von der Ferne sehen wir sie heranschweben. Erst winzig klein, wird sie, Stück für Stück näher kommend, immer größer und als wenn sie uns zuwinken wollte, legt sie sich scharf in die Kurve und gleitet, schräg vom Seitenwind gepackt, auf die Landebahn zu, um kurz danach mit qualemden Reifen den Bremsvorgang einzuleiten. Wir geben es zu, dass wir trotz unserer Vielfliegererfahrung als ehemalige Flugbegleiter, uns ein Stein vom Herzen fällt und meine vorgestellten Szenarien verpuffen zum Glück aus meinem Gehirn und ich merke, dass ich tatsächlich vor Aufregung feuchte Hände habe. Es überwiegt die Vorfreude auf unsere Jungs und Christian. Nach einer kurzen Verschnaufpause  rollt sie langsam und gemächlich ihrer Parkposition entgegen. Viel Flugverkehr herrscht nicht, sie ist die Einzige. Nun müssen nur noch unsere Jungs und Christian dabei sein. Keine moderne Gangway sondern eine alte, klapprige Treppe, die vermutlich auch noch aus den Fünfzigern stammt, wird an die Flugzeugtür geschoben und die relativ neue Boing 737 will nicht so richtig zum Outfit des Flughafens passen. Die ersten Fluggäste steigen aus und werden nicht mit einem modernen, klimatisierten Flughafenbus zur Ankunftshalle gebracht, sondern laufen kreuz und quer über das Gelände auf das Haus zu, was sich Flughafengebäude nennt. Verlaufen kann man sich ja nicht. Wir recken unsere Hälse, um wie andere Abholer durch die verschmierten, ungeputzten Fenster unsere Leute zu erkennen. Allmählich wird die Wartehalle leer, die Abholer laufen zum Gate. Nur wir stehen noch als Letzte da. Als wir die Jungs endlich erblicken, denn sie machen es spannend und steigen gemütlich als Letzte aus, fällt unsere Anspannung von uns ab. Kurze Zeit später liegen wir uns in die Arme. Leicht gestresst sehen die Drei aus, hätten sie doch beinahe ihren Anschlussflug in Kiew verpasst.

 

Es dämmert schon, zum Glück ist es nicht weit zu „Nadja“. Nachdem die Drei ihre Zimmer bezogen haben, lassen wir den Tag bei einem kalten Bier und lauen Temperaturen auf der zum Hotel gehörenden Restaurantterrasse ausklingen. Obwohl es viel zu erzählen gäbe, lösen wir alsbald die kleine Runde aus, denn wir wollen am nächsten Morgen früh raus.

 

 

Bis zum Heimatdorf unseres ehemaligen Au-pairs sind es zwar nur knapp 100 km, aber wir stellen uns auf schlechte Straßen und eine dementsprechend lange Fahrt ein. Unsere Motorräder verschnaufen auf dem überwachten, hoteleigenen Parkplatz bevor es in ein paar Tagen weiter gehen wird. Gespannt auf das, was da kommen mag und mit vollen Mägen vom wirklich erstklassig internationalem Frühstücksbuffet, setzen wir uns Richtung Debeslavtsi in Bewegung. Das kleine Dorf liegt am Fuße der Karpaten irgendwo im Nirgendwo der und ist nur auf unbefestigten Straßen erreichbar.

 

Es tut sich was auf ukrainischen Straßen, wir passieren eine Baustelle nach der anderen, Teergeruch liegt in der Luft. Manche Teilstücke sind sogar schon fertig und wir rollen mit unserem Skoda auf frisch asphaltierten Teilstrecken. Wir passieren die kleine Kreisstadt Kolomea und kommen alsbald zur Abbiegung in die Nebenstraße, die uns zu unserem Ziel führen soll. Wir sind uns nicht sicher und uneinig, dass wir richtig sind, aber unser Navi sagt, alles bestens, rechts abbiegen. Vor 2 Jahren sind wir ja schon einmal hier lang. War das tatsächlich hier? Aber das Navi wird schon Recht haben und wir befolgen seinem Befehl. Auf dem Feldweg geht es nun über Stock und Stein nur mäßig voran und unser Skoda schaukelt von rechts nach links und von links nach rechts. Wenn wir uns schon vorher schon wie in einer anderen Welt vorkamen, so fühlen wir uns nicht nur in eine andere Welt versetzt sondern auch aus der Zeit gefallen. Einzelne zersiedelte Höfe und Häuser tauchen vor und neben uns auf. Kühe mit einer Leine an einen Pfahl gebunden, grasen friedlich in den Vorgärten, mal ein paar Schafe hier, mal ein Pferd dort und immer wieder ein paar Hühner, die neben der Straße aufgeschreckt und hektisch gackern, wenn wir vorbei fahren. In den Feldern sieht man Menschen, die mit großen Gabeln das wahrscheinlich mit einer alten Sense abgemähte Gras zu Schobern auftürmen. Wir tuckern hinter einem altertümlichen Pferdefuhrwerk her, das mit Heu voll überladen ist. Auf uns wirkt das alles idyllisch und entschleunigt von einer hektischen Welt. Aber dass es den Menschen dabei sicher nicht so gut geht, können wir erahnen. Hätten sie mehr Geld würden sie sich sicher bessere Maschinen leisten können. Von Vovo wissen wir, dass seine Eltern so eine schmale Rente bekommen, dass sie gar nicht anders können als sich selbst zu versorgen. Die Kuh und die Hühner halten sie in ihrem Alter nicht als Hobby und bewirtschaften auch nicht den großen Acker hinter ihrem Haus aus Spaß. Hier wird auch der krasse Unterschied zwischen Stadt und Land sehr deutlich. Das alles lässt uns mit großer Ehrfurcht betrachten.

 

Am Ziel angekommen, wartet man schon auf uns. Vovo, Lesia, seine Frau und Maksym, sein 1 jähriger Sohn, Mutter, Vater, Luba, seine Schwester, Ivan, sein Schwager und auch Ivan sein Neffe. Eine unvorstellbare Gastfreundlichkeit, die man nicht in Worte fassen kann, schwappt uns entgegen. Jeder drückt jeden, ein paar Freudentränen laufen über die Gesichter. Was für ein Wiedersehen! Nach dieser Begrüßungsorgie werden wir ins Haus geführt und an eine lange Tafel gesetzt. Es ist Mittagszeit und wir können nur ahnen, was da auf uns zukommen wird. Vovos Mama und Luba hatten - keine Ahnung wie lange, vermutlich aber seeeeehr lange - unzählige regionale Speisen für uns vorbereitet. In keiner Hightechküche und ohne dem neuesten Thermomix haben sie Diese Köstlichkeiten haben sie in einer Küche gezaubert, die nicht mit den neusten Hightechgeräten ausgestattet ist, wo kein modernes Geschirr die Hochglanzschränke füllt und kein nagelneuer Thermomix zum Einsatz kommt. Von Bortschtsch über Vareniki (gefüllte Teigtaschen), Huhn in Aspik, Pilzmaisomelett wird uns so ziemlich alles serviert, was die ukrainische Küche zu bieten hat und der Tisch biegt sich vor lauter gefüllten Platten. Peinlich berührt, denke ich darüber nach, was ich so unseren Gästen präsentiere, wenn sie zu Besuch sind. Vielleicht einen selbst gebackenen Kuchen! Zum Abend etwas, was sich gut vorbereiten lässt und nicht so viel Arbeit bereitet, einen Auflauf oder Überbackenes! Danach vielleicht einen! Nachtisch. Zumindest stehe ich nicht tagelang vorher in der Küche.

 

Wir scheitern allerdings an dem Versuch von Allem zu kosten. Zu trinken gibt es selbst hergestellten Apfelsaft aus getrockneten Äpfeln und der selbst gebrannte Wodka vom Papa darf natürlich auch nicht fehlen! Oje, ich vertrage doch keinen Alkohol zum Mittag! Und die Jungs! So harte Sachen am helllichten Tag! Naja, einen! Aus Höflichkeit! „Na sdorowje“! (was eigentlich gar nicht „prost“ heißt. Aber das ist eine andere Geschichte!) Wir erheben alle unsere Gläser. Schmeckt gar nicht schlecht! Bei dieser großen Fresserei brauchen unsere Mägen etwas zum Verdauen. Der Papa kann sogar 2 Worte Deutsch: „Schnaps trinken“! Aber es bleibt wirklich nur bei dem einen. Nahtlos geht es zum Nachtisch über: Schmalzgebäck, Kirschtaschen. Puh, wir platzen gleich! Ich mache heimlich einen Knopf meiner Hose auf! Während des Essens versuchen wir ein wenig Konversation und Vovo übersetzt fleißig.

 

 

Am liebsten würde ich mich nach diesem Mahl mal aufs Ohr legen und ein kleines Nickerchen machen. Die Augen meiner Männer verraten Ähnliches! Aber hier wird nicht gekleckert sondern geklotzt! Keine Zeit für ein Mittagspäuschen! Vovo hat volles Programm für uns! Schließlich sollen wir etwas von seiner geliebten Heimat sehen! Wir beobachten, wie der kleine Lada vom Neffen Ivan gepackt wird. Alles muss mit! Windeln, Buggy, Grillsachen… Grillsachen??? „Ja, wir fahren in die Karpaten und wollen heute Abend grillen!“ so die Antwort unseres liebenswerten Au-pairs. Hilfe, an Essen mag ich jetzt so gar nicht denken! Eine Riesenmelone muss auch noch mit. Ach ja! Und Menschen müssen ja auch noch rein in den Lada: Ivan, Ivans Freundin, Vovo, Lesia und der kleine Maksym passt noch auf den Schoss der Eltern. Schon wieder werden wir geherzt von Eltern, Schwester und Schwager, als wären wir Familienmitglieder und schon wieder fließen ein paar Kullertränen über die Wangen von Mutter und Schwester. Vovo deutet zum Aufbruch und nach der ausgiebigen Abschiedszeremonie schwingen wir uns in unseren Skoda, dessen Kofferraum mit unserem kleinem Gepäck gefüllt ist, denn wir sollten Übernachtungssachen einpacken. Nun folgen wir für gut 2 Stunden den anderen. Die Landschaft wird immer hügeliger und mittlerweile befinden wir uns wieder auf einer asphaltierten Straße. Meinem Mann bin ich für seine Fahrkünste sehr dankbar. Die vielen Schlaglöcher sind beim Autofahren ja nicht so gefährlich wie beim Motorradfahren, aber schließlich wollen wir den Wagen wieder unversehrt bei der Autovermietung abgeben.

Mitten in den Karpaten, super idyllisch gelegen, erwartet uns ein schnuckeliges Holzhaus mit Blick auf den Hoverla, den mit knapp über 2000 m höchsten Berg der ukrainischen Karpaten. Nachdem wir uns im Haus aufgeteilt haben, jeweils ein Doppelzimmer für Bert und mich und Robert und Johannes und ein Einzelzimmer für Christian, wurde es nun wieder Zeit für… na, was wohl? Für essen! Also: Grill an! Riesenschaschlik drauf, Bier und Wodka auf den Tisch! Ein wunderbarer Abend war uns sicher. Nach all der Zeit haben wir uns viel zu erzählen, vor Allem die Jungs und ihren „großen Bruder“ gingen die Themen nicht aus und das dominante Thema des Abends waren Zeiten im Jahr 2005 bei Familie Falke in Peine!

Nach einer kurzen Nacht geht es weiter mit Sightseeing. Unser Ziel ist Bukowel, ein Erholungs- und Touristenort und Wintersportgebiet mit 61 Skipisten Nummer Eins. Mit einem Sessellift fahren wir den gleichnamigen Berg hoch, von dem man eine wunderbare Aussicht hat. Es gibt auch einen künstlich angelegten See, auf dem sogar Wassersport möglich ist, alles westlicher Standard. Hier trifft sich Reich und Schön, auch nach dem Motto sehen und gesehen werden. Die Damen tragen Highheels, und kleine Hunde werden an der Leine ausgeführt oder werden in teuren, namhaften Handtaschen durch die Gegend getragen.

Vor der Dämmerung fahren wir zurück nach Kolomea, der kleinen Kreisstadt, dass für sein Ostereimuseum bekannt ist und wo wir uns ein kleines Hotel gebucht haben. Vovo und seiner kleinen Familie gönnen wir eine kleine Pause und verabschieden uns von Lesia, Maksym und Ivan und seiner Freundin.

Unser Treffpunkt mit Vovo am nächsten Tag ist Czernowitz, in der Vovo studiert hat, Zentrum der Bukowina, zu deutsch Buchenland.  Sehr sympatisch, diese Multikulti Stadt mit einer eindrucksvollen Universität, einem Rathaus mit einem echten Trompeter statt Glockenspiel, der zur vollen Stunde vom Turm aus bläst. Das Theater der Stadt, dem Theater Erfurts nach empfunden und sieht genauso aus. Vovo geht in seiner Stadtführerpostion voll auf und wir erfahren viel Geschichte und Kultur dieser schönen Stadt. Gerne hätten wir sie intensiver angeschaut, aber es regnet schon den ganzen Tag. Bei einer Tasse Cappucino in einem Szenecafé wird es Zeit, sich zu verabschieden. Zu schnell ging sie um. Danke Vovo, Lesia auch Mama, Papa, Luba und Ivan für die wunderbaren, unvergesslichen Tage!

Wir haben noch eine Nacht in Iwano-Frankiwsk, den Abend verbringen wir gemeinsam mit unseren Söhnen und unserem Freund Christian bevor die Drei Morgen in der Frühe wieder den Flieger besteigen und wir unsere große Reise ins unbekannte Russland fortsetzen. Aber zuvor haben wir noch 2 Tage in der Ukraine. Wir tauschen wieder Auto gegen unsere Motorräder, die wieder zuverlässig anspringen. Ein Wunder, dass ich nach der vielen Futterei überhaupt noch in meine Motorradklamotten passe!

Probleme haben wir mit den Navis, sie streiken verständlicher Weise beim Programmieren. Kein Wunder bei den vielen, unterschiedlichen Schreibweisen der Städtenamen, Cernowitz oder Czernowici oder Tschernowitzi... Unser nächstes Etappenziel ist die Stadt Winnyzia, ca 350km entfernt von Invano Frankiwsk. Oder schreibt man sie Vinnitia oder Winnyzja? Nach dem Hundersten Versuch und einem Ehemann, der Hasstiraden in sich rein murmelt und beide Navis beinahe vor Wut in den Schlaglöchern zertreten hätte, verlassen wir Iwano-Frankiwsk oder doch Ivano-Frankivsk? Richtung Osten.


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